Schottland 2015 Tag 3

Die Nacht war weniger dramatisch als gedacht. Da wir am körperlichen Limit Powerurlaubing betreiben fallen wir wie immer halbtod in den Schlaf hinein und hören gar nicht mehr ob Carmen wieder mit Florian zusammenkamen oder nicht.

Im Gemeinschaftsbad duelieren ich mich auf der Toilette mit irgendjemanden in der Dusche. Wir beide wissen, dass mal einer von uns fertig werden muss, aber irgendwie will keiner aus der jeweiligen Kabine raus. Warum die Person in der Dusche den Vorgang in die Länge treiben musste ist mir nicht ganz schlüssig. Vielleicht wollte die Person mir nach dem jeweiligen Massaker nicht ins Gesicht schauen. Ich gebe auf, bewege mich aus der Kabine heraus und hoffe innig dass der Masochist in der Duschkabine nicht im gleichen Moment die Tür öffnet. Ich bin mir sicher unsere Blicke hätten sich zu lange getroffen und ich hätte auch nicht den Augenkontakt gebrochen. Und schon gar nicht wenn es eine Frau gewesen wäre.

Unsere Abreise läuft unspektakulär ab. Wir checken kurz aus, müssen nicht einmal die Wäsche mitnehmen (muss man wenn man erst ab einem 4er Zimmer) und bewegen uns auf die Reise zum Astra.

Das Wetter ist heute kein vergleich zu gestern. Es ist neblig und doch etwas kühl. Wir haben dafür wenigstens kein Sonnenbrandrisiko.

Frühstück bekommen wir bisher nicht, da alle Supermärkte auf dem Weg zur Bushaltestelle noch zu haben. Im Bus genieße ich das Free WiFi um kurz in dem Blog hier die Kommentarfunktion zu reparieren. Schnell einen FTP Client runterladen und mal ein paar Berechtigungen auf irgendwelche Ordner ändern – und das alles während ich von einer Haltestelle zur anderen pendle.

Unser Astra hat den einsamen Tag gut überstanden, auch wenn der Parkplatz jetzt gut voll geworden ist. Wir beginnen unseren heutigen Trip zu dem ersten Routenpunkt heute: Der Linlithgow Palace.
Wir haben heute nicht wirklich eine Vorstellung was uns erwartet – Sarah hat einfach ein wenig in Tripadvisor gestöbert und die Top Punkte herausgeschrieben. Wir gehen also mal auf Entdeckungsreise und schauen mal was der Tag bringt.

Auf dem Weg zum Palace legen wir einen kleinen Pit-Stop in einen der vielen größeren Supermärkte ein (ähnlich E-Center). Wir verbringen im Mark&Spencer fast eine Stunde, da wir uns einfach nicht für ein Sandwich entscheiden können. Man hat eine unglaubliche Auswahl und dazu auch noch die Wahl der Kombination mit den Deals. Wir müssen uns für drei Artikel entscheiden und bekommen dann das Dritte kostenlos. Man glaubt nicht, wie anstrengend solch eine schwerwiegende Entscheidung sein kann.

Ich gehe aus dem Ding mit einem Cuscus Salat und einer Sausage Roll hinaus. Man spricht ja immer schlecht über die englische Küche, aber das Zeug da ist unglaublich lecker. Die Sausage Roll ist eine Art Wurstbrät im Teigmantel – Zeug was man sich auch direkt auf den Körper schmieren könnte, aber es schmeckt super lecker.

In Linlithgow angekommen fuhren wir auf einen Parkplatz am Palace und mussten uns dort ein paar Pfund erschnorren, da wir kein Kleingeld fürs Parken hatten. Im Parkautomaten musste man das Kennzeichen des Autos eingeben um zu verhindern, dass wir übrige Zeit an irgendjemanden weiterverschenken.

Wir liefen hoch zum Palace wo wir feststellen mussten, dass am Palace ein guter Batzen kostenfreier Parkplätze zur Verfügung gestanden hätten. Wir haben umsonst jetzt 2h kostenpflichten Parkraum bezahlt, aber naja was solls. Zukünftig fahren wir direkt in die Schlösser rein um auch ja keine kostenfreien Parkplätze zu verpassen.

Wir besuchten die angrenzende Kirche und werden nervös, wenn uns die nette Dame darin einen kleinen Guide in die Hand drückt. Die panische Angst immer irgendwas zahlen zu müssen ist uns für die britischen Kirchen tief verankert. Das letzte mal in Irland mussten wir in jeder Kirche immer wieder irgendwas zahlen müssen. Wir haben uns hier noch irgendwie davor drücken können, aber vermutlich wollte die Alte dennoch Geld.

Den Palace, welcher als Spielsätte (Tennis, Bowling,…) für die Stewards (irgendwelche Adelige) dient, betrachten wir nur von außen. Er liegt am Loch Linlithgow, also einem See. Wir stieren durch die Fenster um einen Eindruck vom Innenbereich zu bekommen und entscheiden, dass es uns die 15 EUR nicht wert ist. Wir schleichen uns dennoch für ein Foto nach innen um zumindest das Highlight (den Brunnen) zu sehen. Wir holen damit also quasi das Geld für das Parken wieder rein. Trotz des grauen Wetters wandern wir noch etwas um den Palace herum, aber meine Fresse ist es Kalt an dem See. Nach nicht ganz einer Stunde gehen wir wieder an den Parkplatz, wo ich mich kurz nackig mache um was wärmeres anzuziehen. Wir haben für noch mindestens eine Stunde bezahlt, also gehen wir noch zum nahgelegenen Tesco um noch irgendwas einzukaufen.

Im Tesco lernen wir Ralph kennen. Ralph ist ein Rentner, der früher mal 30 Jahre bei der britischen Navy angeheuert hat. Er spricht eigentlich einen sehr breiten schottischen Dialekt, aber auch ein wenig Gällisch. Er ist manchmal etwas schwer zu verstehen, aber er bemüht sich normales Englisch zu sprechen. Ich nicke einfach freundlich wenn ich gar nichts mehr verstehe – das funktioniert meistens ganz gut.

Er erzählt uns von seiner Meinung zum Loch Ness Monster, den psychologischen Tricks denen man Leuten so spielen kann und wie schön er Düsselburg fand (ich denke mal Düsseldorf oder Duisburg oder sowas). Ralph hört gar nicht mehr auf zu reden – er ist eher der Typ Mensch dem es weniger um die Konversation und mehr um das gesprochene geht. Ich selber höre solchen älteren Leuten gerne zu, da immer irgendwas interessantes dabei rauskommt. Diese Leute haben ein ereignisreiches Leben hinter sich und wenn sie mal nicht mehr da sind, denkt man sich, dass man doch noch gerne mehr erfahren hätte. Ralph berichtet auch noch von seiner Tour zur Isle of Skye, wo wir uns in ein paar Tagen befinden werden und wie interessant Inverness sein wird. Wir müssen langsam schon los, aber Ralph beißt sich doch schon ein wenig fest. Er ist einer der älteren Männer, die eine Frau brauchen, welche mal sagt „Manfred komm jetzt, jetzt isch genug“.
Seine Frau versteckt sich aber wohl heute, was so langsam zu einer mehrfachen Verabschiedung von mir führt. Ralph wird uns dennoch positiv in Erinnerung verbleiben und falls wir das Monster in Loch Ness finden, werde ich Ralph wohl aufsuchen müssen.

Auf dem Weg zum Auto mussten wir wieder das gute Free WiFi aufsuchen, da wir noch eine Mail mit der Unterkunft von heute Nacht schreiben mussten. Heute war die Royal Bank of Scotland so gönnerhaft – ganz ohne Login Prozedur. Man man ich liebe diese Unkompliziertheit hier.

Der nächste Stop führte zu etwas moderner Ingenieurskunst. Wir fuhren zum Falkirk Wheel, eine Schleuse welche als eine Art Aufzug für Schiffe dient. Auf dem Weg zum Wheel brachte uns ein netter Dudelsackspieler das schottische Ambiente näher. Wir schauten uns den Vorgang dieses Wasseraufzuges an, welcher doch schon beeindruckend war. Das Wheel braucht gerade einmal Strom im Wert von 10 Pfund am Tag um Schiffe jeglicher Größe nach oben oder unten zu befördern. Gegen 9 Pfund pro Person hätten wir uns auch in einem Schiff transportieren lassen können, aber da die Zeit schon etwas knapp war und gespartes Geld ist gutes Geld, also genügte uns das Anschauen des Vorganges. Wie immer in Schottland befand sich auch an dieser Attraktion ein alter Ice Cream Truck. Keine Ahnung welche Verschwörung dahinter steckt, aber die Trucks sehen immer gleich aus und tauchen an den unmöglichsten Orten auf. Wir werden der Sache in unserem Urlaub auf den Grund gehen müssen. Auf dem Rückweg gönnten wir dem Dudelsackspieler noch einen Pfund und machten uns auf den Weg zum Nächsten Punkt.

Der wohl unspektakulärste Punkt der heutigen Reise war das Bannockburn Battlefield. Wir parkten schön kostenfrei und dachten wir könnten ein Battlefield betrachten. In Wirklichkeit war es einfach eine Wiese mit einem Museum welches irgendwelchen Kram über das Glorreiche Battle beschreibt. Die Schlacht ist schon etwas Wichtiges für die Schotten, da diese hier das erste Mal den Engländern in die Eier getreten hatten. Demensprechend gibt es hier ein ganz nettes Monument auf der Wiese mit einer hübschen Statue. Für uns Deutsche hat das jedoch relativ wenig Bedeutung. Die Inschriften verdeutlichen aber ganz lustig wie der damalige König von England sich während des Battles verpisst hat. Das Museum zum Battlefield haben wir nicht betreten aber man konnte dort an einer Battlesimulation teilnehmen. Das funktioniert ähnlich wie „Risiko“. Wir haben es nur in einem Trailer sehen können, da es etwas Zeit gefressen hätte, die wir heute nicht hatten. Anscheinend befehligt man auf einem digitalen Spieltisch die Truppenbewegung des Battles (gemeinsam mit einem Battlemaster gegen fiktive Engländer), was dann ungefähr eine Mischung aus Videospiel und Risiko darstellt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Um heute wenigstens irgendetwas vertrauteres zu Besuchen, fuhren wir zum Wallace Monument. Mel Gibson spielt in Braveheart William Wallace. Das Monument ist ein Turm an dessen obersten Raum das Schwert von William Wallace ausgestellt ist. Wir parkten am Fuße eines Berges und gönnten uns gleich mal Studentenrabatt. Für 7,40 GBP pro Person hatten wir die Wahl mit einem Shuttlebus oder zu Fuß den Berg zum Turm zu erklimmen. Um unsere glorreichen Schuhe zu benutzen erstürmten wir den Berg. Sarah konnte gerade noch verhindern dass ich mir das Gesicht blau anmale.

Atemlos am Turm angekommen begann der nächste Aufstieg. Durch unglaublich enge Wendeltreppen schlängelten wir uns in die jeweiligen Räume des Monumentes. Wenn einem Leute entgegen kamen reichte auch nicht mehr das Bauch einziehen aus. Ich habe heute sehr viele fremde Penisse an meinem Arsch gespürt. Viele Texttafeln und Büsten von heroischen Schotten kleideten den Weg zur Spitze aus. Da die Leute meinten sie müssten die Räume heizen kam ich oben komplett Schweißnass an. An der Spitze froren wir dann, aber der Ausblick war super. Der Weg nach unten war noch weitaus dramatischer, was so ziemlich jeder der mal das Ulmer Münster bestiegen hat, bestätigen kann. Wir überstanden das Monument heil und mussten jetzt ein Zahn zulegen, da Sarah unbedingt noch den nächsten Stop rechtzeitig erreichen wollte. Da wir schlauer und schneller sind als der Shuttlebus konnten wir nicht auf diesen warten und rannten regelrecht den Berg hinab. Es kam wie es kommen musste und so fuhr, nach dreiviertel des Weges, selbstverständlich der Shuttlebus an uns vorbei. Wir überlebten zumindest den Abstieg und machten uns somit schleunigst auf den Weg zum wichtigsten Punkt des Tages.

Der Weg führte uns zum Doune Castle. WOW das Doune Castle! Nein echt? Da seit ihr hin? Unglaublich das war schon immer mein Traum – und ihr wart dort?

Zumindest so ungefähr ist wohl Sarahs Erwartung dazu. Meine hingegen ist Dounewat?
Sarah schaut die Serie Outlander und das Doune Castle ist der Haupthandlungsort der Fernsehserie. Viele Frauen haben die Buchreihe dazu wohl auch gelesen und/oder sind jetzt Fans der Serie, denn am Doune Castle befinden sich viele begeisterte Frauen mit dem Anhängsel namens Männer.

Wir kamen schon fast zu spät an, denn die Frauen am Ticketshop meinten schon, dass sie gleich zumachen. Dennoch haben wir sogar für den Preis von 5,50 pro Person sogar einen Audioguide bekommen und noch eine dreiviertel Stunde Schonfrist. Das Castle sieht wie immer beim Besuch von Drehorten etwas kleiner aus als in der Serie, aber sonst erinnert sich Sarah hier und da an ein paar Szenen. Für mich ist das Castle hingegen ziemlich urig gehalten – es wirkt noch sehr erhalten und aufgrund der wenigen Leute kann man sich auch ein wenig in Ruhe einstimmen auf das damalige Leben. Wir laufen alle zugänglichen Orte ab und kommen mit der Zeit ganz gut klar. Nachdem wir um halb 6 zusammengetrieben werden, machen wir noch ein paar Fotos von Außen und düsen noch schnell zu den letzten Punkten für heute.

Wir möchten uns noch die berühmte Hemingwaysche Birnam Oak (aus MacBeth), eine Kathedrale und etwas namens „The Hermitage“ anschauen. Das Navi führt uns wild in dem Kaff um die Oak und die Kathedrale umher – wir fahren auf und ab und finden beides irgendwie nicht. Es wird immer dunkler und es gibt keinerlei Parkmöglichkeiten. Ich habe die Schnauze voll und nehme Kurs auf die Hermitage.

Die Herimatage ist im Endeffekt ein kleiner Wanderweg in einem Wald. Wir sind die letzten Leute dort – es gibt noch zwei Autos, aber das wars bereits. Wir parken komplett vorne und ziehen nicht einmal ein Parkticket. Vermutlich bekommen wir zuhause massig Post aus Schottland, wir miesen Kriminellen.

Wir laufen den halben Kilometer im Dämmerlicht zum Wasserfall und ich überlege mir wie leicht es hier wäre Sarah hinunterzustoßen. Man, hätte sie doch nur eine ergiebige Lebensversicherung. Ein paar schöne Fotos später genießen wir noch die komplette Idylle hier – weit und breit keine Menschenseele und das angenehme Rauschen entspannt einen nach einem langen Tag.

Der Tag neigt sich immer stärker dem Ende zu, also machen wir uns auf den Weg zu unserem heutigen Schlafziel: Das Stationhouse in Aberfeldy. Der Weg nach Aberfeldy führt entweder über die Autobahn in 20 Minuten oder 1h über die „kurze“ Strecke. Wir entscheiden uns für die interessantere kurze Strecke und erleben in der Fahrt engste Straßen, massig Schafe und Kühe und suizidgefährdete Fasane. Diese dämlichen Vögel interessieren sich kaum für die fahrenden Autos – wir müssen manchmal die Viecher in Schrittgeschwindigkeit mit etwas hupen und Motor hochdrehen von der Straße scheuchen.

Der Hunger treibt uns, und so hoffen wir, dass irgendwo auf der Strecke mal irgendjemand Essen anbietet. Es gibt massig Farmen auf dem Weg, aber keine Farm möchte uns etwas von den saftigen Roadkill Fasanen abgeben. Erst in Aberfeldy gibt es wirklich eine gewisse Auswahl an Restaurants und so parken wir unser Auto an dem nahegelegenen Free Public Parking um unser Bed and Breakfast zu beziehen.
Das B&B hat keine Rezeption und da wir nach 19 Uhr ankommen, werden wir auch nicht mehr bedient. Wir haben aber ja heute am Anfang des Tages bescheid gegeben, weshalb Sarah vom Stationhouse uns unseren Schlüssel in die außengelegene Schlüsselbox gelegt hatte. Den Code zum Öffnen der Box haben wir auch erhalten, weshalb wir einfach unseren Schlüssel rausnehmen können um ins Zimmer zu gelangen.

Der Boden im B&B ist weich wie ein fluffiges Moos, doch das Treppenhaus eng wie die Wendeltreppen der Schlösser. Entgegenkommende haben keine Chance an uns vorbei zu kommen. Wir pressen unsere Koffer durch das Nadelöhr, werfen auf dem Weg noch einen Blick in den schönen Breakfast Raum und beziehen unser 3qm großes Zimmer. Obwohl alles so eng ist fühlt man sich hier so wohl, vermutlich weil die Räumlichkeiten hier an die wollige Wärme einer Gebärmutter erinnern. Unser Bett steht an einer Dachschrägen, wobei der Kopfbereich dank der Aussparung für das Fenster nicht für Platzangst sorgt. Aus dem Fenster hat man einen Überblick über die um die Uhrzeit verlassene Straße, was aus irgend einem Grund zu einem Gefühl von Ruhe führt. Das Bad ist modern eingerichtet, sogar einen Toilettensesseldämpfer hat man uns gegönnt.

Wir schließen den Abend mit ein paar Wraps ab und fallen wieder einmal Tod ins bequeme Bett. Es ist natürlich nicht so geil wie unser Eigenes, aber dieses Luxusproblem müssen wir seit dem neuen Bett einfach verkraften.

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