Schottland 2015 Tag 5

Wir verbringen echt einen Batzen an Zeit mit diesen Beiträgen. Wir schreiben die Dinger ja für uns, damit wir irgendwann einmal in vielen Jahren die einzelnen Urlaube wieder Revue passieren können, aber dennoch fühlt es sich manchmal wie Arbeit an. Abends und morgens werden Fotos hochgeladen und die immer länger werdenden Texte zusammengeschrieben. Es gibt jedoch nicht allzu viele Alternativen. Weniger schreiben bedeutet weniger kleine Nebeninfos mitnehmen. Bleibt aktuell nur schneller Tippen, also gebe ich gerade Vollgas, solange Sarah noch duschen ist.

Wir reisen heute aus Inverness ab um nach Ullapool zu gelangen. Während ich das hier schreibe denke ich mir, dass irgendwie eine Routenkarte keine so schlechte Sache wäre. Vielleicht pimpe ich diese Einträge irgendwann noch ein wenig.

Reine, direkte Fahrtzeit wären heute 2h, aber der Weg ist ja das Ziel, also werden wir viele Abstecher machen und so heute einige Zeit auf Achse verbringen.

Unser Bett im B&B in Inverness ist zwar auch ein Top-Bewertetes, aber kein Vergleich mit dem in Aberfeldy. Wir jammern über das harte Bett und auch der Geruch im Zimmer ist so lala. Dennoch ist es im internationalen Vergleich wohl eines der besseren Zimmer die wir besucht haben, was uns nur zeigt, dass wir nach einmal „Luxus“ gleich versaut sind.

Wir verbleiben mal wieder viel zu lang im Zimmer, da noch Beitrag geschrieben werden muss und so kommen wir um 8:30 an den Frühstückstisch. Unten im Dining Room erwartet uns ein sehr stilvolles Ambiente, weshalb wir uns schon fast underdressed fühlen. Das liegt vielleicht auch an dem alten Briten am Nebentisch, der sowohl mit Kleidung als auch mit Sprachstil aus uns Penner mit Gossensprache macht.

Unsere Bedienung macht uns frisches Bacon mit Ei, wobei das Bacon eher ein halbes Schwein als unser gewohntes, dünnes Frühstücksbacon ist. Wir Futtern ganz lecker (besser als gestern) und gehen mit satten Bäuchen auf die große Reise. Aus irgendeinem Grund erscheint es uns jedoch, dass uns der Besitzer des B&B nicht wirklich mag. Es liegt wohl ein wenig daran, dass ich irgendwie nicht mit den Leuten da richtig reden kann. Der leicht andere Akzent bringt mich schon aus dem Konzept und aus irgendeinem Grund fühle ich mich so, als ob alle denken ich verstehe die gar nicht. Das Smalltalken fällt mir auch irgendwie schwer. Vielleicht brauchen wir einfach noch ein paar Tage mit Menschenkontakt um richtig warmzuwerden.

Die Wortkombination Loch Ness sagt aus, dass es sich um den See „Ness“ handelt. Das Monster von Loch Ness ist also das Monster, welches im See Ness lauert. So gibt es auch den River Ness, was den Fluss „Ness“ darstellt und so auch Inverness, was die Mündung des Ness bedeutet – also dort wo der River in den See mündet. Das als kleiner Crashkurs zur schottischen Geografie – wir haben viel zu lange im Auto über die Bedeutung von Inverness diskutiert.

Wir schauen uns also heute das Loch Ness an um kurz den Leuten zu zeigen wo sich denn Nessie jetzt befindet. Es gibt hier nicht wirklich DEN Punkt den man ansteuert, sondern man fährt einfach an den See, parkt an einer der Haltebuchten und macht seine Fotos von Loch Ness. Klar, eigentlich ist es eher wenig spektakulär, aber manchmal will man auch einfach nur dort gewesen sein. Wir haben heute ohnehin noch weitere Ausflüge etwas Abseits vom See geplant, aber den See nehmen wir doch noch mit.

In einem der Käffer um den See halten wir auch kurz an um ein paar Fotos mit dem Monster von Loch Ness zu schießen – die gibt es hier nämlich immer wieder in diversen Formen.

Nach den Pflichtfotos am See fahren wir zum Castle Urquhart. Wir haben keine Ahnung was uns da so erwartet, aber die Massen an Touristen beim Castle wirken doch eher beeindruckend. Die nächstgrößte Menschenansammlung haben wir nur am Edinburgh Castle gesehen – ansonsten ist das hier wohl die zweitgrößte Attraktion die wir bisher auf dem Trip besucht haben. Saftige 17 Pfund kassiert man von uns beiden ab und wir begeben uns nach unten gleich mal in den Giftshop. Ein kleiner Film ist wie so oft in solchen Attraktionen dabei, aber die Wartezeit auf die nächste Vorstellung soll man sich beim Einkaufen von teuren Castle Souvenirs vertreiben. Wir beleiben Standhaft und erfahren hier und da ein wenig über das Castle selber. Scheint ein wichtiges Ding gewesen zu sein, was die Engländer und Schotten immer mal wieder gegenseitig eingenommen haben. Der darauffolgende Film im kleinen Kino erläutert dann weiteres und dieser ist nicht einmal so schlecht gemacht. Meistens sind diese Minifilmchen zu irgendwelchen historischen Stätten eher von der Qualität eines QVC Diamantenkettenverkaufs, aber diesmal könnte er fast mit einer durschnittlichen 3sat Produktion mithalten.

Der Abschluss des Filmes erzählt davon, dass das Castle hochgejagt worden ist und während die Flammen im Beamer noch lodern fährt die Leinwand hoch und die schwarzen Vorhänge dahinter enthüllen einen Panoramablick durch das Fenster auf das Castle. Diesen Schluss haben die echt nett gemacht und wir sind guter Stimmung darauf die kleine Burg am Loch Ness zu erkunden.

Große Menschenmassen laufen an dem perfekten englischen Rasen vorbei, der wie immer richtig einläd zum reinliegen. Keine Ahnung was die hier in das Gras geben, aber dieser fluffig, mooshaft anmaßende Rasen sieht so weich und saftig aus, dass ich zuerst darin grasen und dann mich darin wälzen möchte.

Die vielen Gärtner um das Castle sorgen dafür, dass der Zustand erhalten bleibt und ich ergötze mich wie so oft an der harten Arbeit anderer.

Das Castle selber ist schon relativ zerfallen und sieht für uns eigentlich gar nicht so spektakulär aus. Die Aussicht ist ganz schön, da man den See immer im Blick hat, aber ansonsten begeistern uns die leicht kaputten Steine nicht mehr so sehr. Die letzte Burg aus Outlander war da einfach viel besser erhalten – und die vielen Menschen an dem Castle führen auch nicht zu einer besonders entspannenden Atmosphäre.

In einem Turm des Castles lasse ich Sarah auf der mittleren Ebene stehen um ein Foto von weiter oben nach unten zu machen. Ein paar Schuss füllen die Kamera und ich winke Sarah kurz um ihr zu sagen, dass wir runtergehen. Durch die wie immer lebensgefährlichen Treppe blicke ich auf die mittlere Ebene und sehe keine Sarah. Ich gehe davon aus, dass sie bereits runter ist, also versuche ich mir auf dem Weg nach unten den Hals nicht zu brechen. Unten angekommen stürme ich gleich raus, da ich Sarah immer noch nicht sehen kann, aber sie ist irgendwie verschollen.
Ich laufe wieder in die unterste Ebene des Turmes und stehe etwas irritiert im Weg herum.

Sarah ist wohl entweder noch oben oder kurz auf die Toilette gerannt, also dachte ich mir, ich setze mich auf die einladende Bank hier in der untersten Ebene, schön im Schatten um sicherzugehen, dass Sarah und ich nicht aneinander vorbeilaufen. Es vergehen etliche Minuten auf der Bank und da hinter mir eine Infotafel ist, werde ich immer nervöser wenn die Menschen direkt vor mir stehen um die Tafel hinter mir zu lesen. Wer hat gedacht, das wäre eine gute Konstruktion. Stell doch die Scheißbank ein paar Meter weiter nach Links, damit man nicht immer auf die Bauchnäbel oder Lümmel der interessierten Schildleser starren muss.

Ich fange schon nervös an auf dem Handy irgendwas rumzudrücken, damit keiner merkt, dass ich eigentlich nur geradeaus starren müsste. Mangels Internetzugriff ist das reingehen in die Einstellungsmenüs doch etwas ermüdend, also wirken die 10 Minuten auf Sarah-warten wie eine Ewigkeit.

Irgendwann taucht Sarah aus der Wendeltreppe raus und mutiert zu einer Furie. Warum ich sie nicht abgeholt habe, weshalb ich da unten am Handy sitze (Das dumme Ding hab ich doch gerade mal eine Minute raus, weil die Frau vor meiner Nase schon nervös geworden ist als ich ihr Löcher in den Bauch gestarrt habe) und weiteres Blabla.

Sarah stolziert sauer durch den Rest des Castles und verlangt auch schon die Flucht zum Auto. Wie schon erwähnt ist das Ding ok gewesen, aber keine 20 Euro wert. Vielleicht wenn das das einzige Castle gewesen wäre, aber mit den anderen zuvor zusammen haut das keinen von uns mehr vom Hocker.

Der Rest der heutigen Touri-Route wird eine Fahrt etwas außerhalb vom Loch Ness – mehr in das Herz von Schottland, was hier bedeutet, dass man immer weiter von der Zivilisation abgeschnitten wird.

Die Straße wird nach ein paar Kilometern nur noch einspurig und bietet nur Platz für ein Auto. Alle paar Meter gibt es jedoch sogenannte „Passing Places“, die dafür dienen, dass man Platz für vorbeifahrende Autos machen kann. Das macht die Fahrt dementsprechend anstrengend, da man nicht besonders weit sieht und falls ein Auto einem entgegen kommt, kann man nicht aneinander vorbeifahren, sondern muss den Rückwärtsgang einlegen und zurück zum letzten Passing Place gehen um den anderen Vorbeizulassen. Das Autofahren ist hier mehr ein miteinander als ein für-sich Fahren, da man immer auf die Verhältnisse des anderen achten muss. Meist gibt es links nur einen Abgrund, also kommt man mit Gewalt eher weniger gut raus. Die Tatsache, dass man als Festlandeuropäer eher den Rechtsverkehr gewöhnt ist, führt dazu, dass man in den Linksverkehrländern eher dazu neigt zu sehr links zu fahren. Wir haben anscheinend einfach nicht so das Gefühl für den richtigen Abstand zum Mittelstreifen, was dazu führt, dass die meisten Mietwagen bereits eine versaute linke Seite haben (so auch übrigens unser Wagen).

Wir begeben uns heute in das sogenannte Glen Affric Tal, das eine Art kleinen Nationalpark oder Statepark darstellt. Kurz vor der Grenze zum Glen Affric holen wir uns in einem Kaff noch ein paar Sandwiches um dann gleich ein kleines Picknick zu veranstalten. Ich muss Sarah verbieten den Kram gleich im Auto zu essen, also beeilen wir uns zu unserem ersten Stop noch vor Glen Affric. Wir schauen uns eine kleine heidnische Ruhestätte Namens Corrimony Cairn an. Hier wollten wir eigentlich kurz Picknicken, aber mangels Tisch oder sonstiger Gelegenheit mussten wir das noch verschieben. Stattdessen sind wir an der Stätte, die komplett mit Elektrozäunen abgesichert ist (keine Ahnung wovor die Angst haben) und Sarah klettert in der Ruhestätte auf den Knien hinein in die von Steinen umgebene Höhle. Die Leute haben da damals die Leichen in diese Steinkonstruktion geschleppt um darin irgendwelche Zeremonien auszuführen. Wahrscheinlich haben wir das Ding komplett entweiht und werden jetzt von irgendwelchen Geistern heimgesucht. Der schnelle Ausflug begeistert uns aufgrund des Alters, aber der Hunger treibt uns wieder ins Auto. Ich verbiete immer noch das Essen im Auto und hoffe auf den nächsten Zwischenstopp.

Unser erster Halt im Glen Affric ist bei den sogenannten „Dog Falls“ und niemand macht sich die Mühe uns zu erklären, was die Wasserfälle mit Hunden zu tun haben sollen. Wir parken in der Nähe der Wasserfälle und haben die Wahl zwischen 1,50 GBP für 3 Stunden oder 2 GBP für den ganzen Tag. Da das Ticket auf allen Plätzen entlang dieser Route gilt, entscheiden wir uns für die 1,50 – mehr als 3h werden wir heute nicht wandern gehen.
Als wir das Ticket ziehen, läuft ein junger Kerl zu der Dame hinter uns in der Schlange um ihr sein Tagesticket anzubieten. Toll, wie immer haben wir Pech. Im Nachhinein ist es natürlich dämlich. Die 1,50 können wir dem Statepark hier doch gönnen, da es eigentlich Peanuts sind im Vergleich zu der Größe, die die mit den paar Pfund abdecken müssen. Die Schilder + Wege sind gut und sauber und auch die Toiletten sind ok. Der Preis ist hier eigentilch viel zu billig – da sind wir erheblich teureres von den USA für solche Parks gewöhnt. 10$ pro Auto sind da keine Seltenheit – oder sogar pro Attraktion, wenn es sich um Stateparks handelt.
Das Wetter spielt auch heute wunderbar mit, weshalb uns das Picknick in der Nähe des Parkplatzes umso mehr freut. Wir hören uns das Rauschen des Rivers an und genießen derweil unsere Sandwiches. Sarah geiert auf die zweite Hälfte meiner BLT Sandwiches, aber sie ihre ja mit Gurken kaufen musste knurre ich nur ein wenig und gebe nichts von meinen ab.

Wir wandern anschließend ein wenig zu den Dog Falls und machen nur den halbstündigen Minitrail, da der Tag noch lang sein wird. Die Wasserfälle begeistern eher klanglich als visuell, aber als Canyoning Fachmann kann ich eindeutig sagen, dass dieser Bereich sicher auch mit einem Neoprenanzug und ein paar Kletterseilen Spaß machen würde. Zurück nehmen wir eine Abküzrung über die Hauptstraße und sind somit in nicht ganz einer Stunde wieder am Auto.

Wir fahren in gut einer dreiviertel Stunde zum Herzen des Glen Affric, wo man den River bewandern kann. Wir kommen nach der anstrengenden Fahrt mit vielen Passing Places, regelmäßigem Rückwärtsfahren und mehrfacher Angst, dass wir zu breit für diese und jene Situation währen, endlich am Parkplatz an. Dort die erste Hiobsbotschaft: Unser Ticket gilt wohl doch nicht an allen Plätzen. Hätten wir zuvor statt den 1,50GBP einfach die 2GBP für das Day Ticket bezahlt, hätte alles gepasst. Stattdessen müssen wir jetzt nochmals Geld berappen, obwohl wir bereits 3h am anderen Parkplatz bezahlt hatten. Sarah tobt als ob es kein morgen gäbe – ich muss sie schon beruhigen und darauf achten, dass sie den Parkautomat nicht aus der Verankerung reißt. Meine beruhigenden Worte „Sind doch nur 2 Pfund, wen juckts“ führen nur dazu, dass Sarah wohl auch noch eine Verschiebung der Kontinentalplatten verursacht. Es geht wie immer ums Prinzip. Aus trotz bezahlen wir nur einen Pfund für 1h und Sarah verlangt die Wanderungen im Marschschritt. Wir gehen zu einem View Point, der eigentlich für 30 Minuten angedacht war, wir ihn aber in 20 durchhauen. Meine Arme schwitzen mal wieder abartig (keine Ahnung ich schwitze nur an den Armen. Meine Achseln haben wohl keine Schweißdrüßen mehr – das USA Deo blockiert den Ausfluss dort. Ich frage mich was passiert, wenn ich meine Arme mit dem Deo einschmiere – vermutlich schwitze ich dann Wassermassen aus dem Bauchnabel.

Der Viewpoint bietet einen schönen Blick über das Tal und durch unsere Hochgeschwindigkeitswanderung können wir auch noch einen Abstecher zum River machen. Ich bin ganz froh darüber, da meine Füße von den Strapazen der letzten Tage noch ein wenig gequält sind. Die 20 Minuten zu dem River reichen mir dann auch aus und ich lege mich auf den Steinen nahe des Flusses zum Relaxen. Mein grüner Hulk kommt auch langsam herunter vom Hass auf das Parksystem hier und wir relaxen doch ein wenig am Fluss. Insgesamt ist es hier doch sehr idyllisch und die wenigen Menschen entspannen uns doch sehr. Wir kommen rechtzeitig wieder auf dem Parkplatz an und treten die Fahrt nach Ullapool an.

Der Weg durch das Tal erweist sich am Abend doch noch etwas beschwerlicher an. Die Leute wollen wohl in den Feierabend und den Schotten scheint die Enge der Straßen wohl irgendwie nichts auszumachen. Während ich anstatt 60 nur 40 Mph fahre um mir nicht die Front des Autos bei den Hubbeln hier abzureißen, düsen hier die alten Opel Vectras ohne Gnade durch. Einmal war es richtig brenzlich – ich fahre nur noch 5 MPH, da ich sehe, dass es eng werden wird und der Opel – Verzeihung, Vauxhall – beschleunigt wohl noch. Ein paar CM und ich dürfte den Beitrag hier aus dem Krankenhaus schreiben.

Auf dem Weg nach Ullapool legen wir noch einen Pitstop am Clootie Well ein. Gestern haben wir ja versagt, also hat Sarah ein wenig nach dem echten Weg gegooglet. Wie erwartet waren wir nur um ein paar Meter falsch gelegen – wir hätten nur eine Straße weiter fahren müssen und schon wären wir dort gewesen. Naja es gibt auch keine Adresse zum Clootie Well, was es auch nicht einfacher macht.

Heute jedoch kommen wir von der anderen Seite und das Clootie Well ist sogar ausgeschildert. Wir parken mitten im Wald und laufen über einen Trampfelpfad zum Clootie Well. Der Clootie Well ist auch eine heidnische Stätte, wo die Leute irgendwelche Stückchen von Kleidung an die Bäume festmachen. Der ganze Abschnitt des Waldes ist voller Textilien – Tücher, Lappen, Unterhosen, Boxershorts usw.
Die Leute tunken die alten Klamotten in das Gammelwasser und binden diese dann an die Bäume dran. Sarah hat keine normalen Textilien zur Hand, also bindet sie feuchte Tücher an ein Bäumchen. Wir hätten das nicht tun dürfen, vermutlich verärgern wir jetzt irgendwelche heidnischen Geister. Im Wald war es in dem Moment auch irgendwie ruhig – zu ruhig. So fängt doch jeder Horrorfilm im Blair Witch Project Style an und ich hatte sogar während der Zeremonie gefilmt. Es hätte nur noch gefehlt, dass wir die Kamera fallen lassen und man irgendwo dann im linken Bildrand langsam irgendein Vieh mit Klauen vorbeilaufen sieht.

Wir versuchen den Wald über den Trampelpfad wieder zu verlassen, aber da Sarah die Götter verärgert hat verlaufen wir uns. Der Pfad hört irgendwo plötzlich auf und je mehr wir versuchen andere Wege zu gehen, desto weniger glaube ich daran, dass wir hier je wieder rauskommen. Während Sarah noch einige Meter vor mir (wir hätten uns nicht voneinander entfernen dürfen – typischer Horroranfängerfehler) verzweifelt nach einer Marschrichtung sucht entschuldige ich mich leise bei den Gottheiten. Ich erläutere Jul’thrak oder wie das Ding aus dem Wald hier wohl heißt, dass rein chemisch gesehen die feuchten Tücher doch auch als Textilien angesehen werden können. Die Konsistenz der heutigen Feuchttücher entspricht doch schon fast der eines leichten Tuches. Außerdem war hier und da noch Plastik an den Bäumen von irgendwelchen anderen Touris, was bei uns auch noch für Irritation gesorgt hatte. Jul’thrak antwortet mir nur in einem lauen Windchen durch den Wald. Ich überlege noch, ob mich Jul’thrak nur darauf hinweisen möchte, dass die Plastiktouris wohl inzwischen von dem Moos auf welchem ich rumlaufe überwachsen sind, aber als Sarah einige Meter vor mir schreit, dass sie den Weg gefunden hätte, nicke ich nur leicht den Baumwipfeln entgegen und grunze noch ein leises „Danke Jul und Sorry nochmal für die Umstände“.

Mit quietschenden Reifen verlassen wir den Wald hier und treten die Fahrt nach Ullapool an.

Das Navi zeigt 1h Fahrtzeit und die Straße wechselt zwischen Zwei und Einspurigkeit. Es geht so langsam gegen 19 Uhr und die übrigen Autofahrer wollen alle schnell nach Hause. Das führt zu einer üblen Gnadenlosigkeit auf den einspurigen Straßen. Es sind zwar 60 Meilen pro Stunde erlaubt, aber bei entgegenkommenden Fahrzeugen hat man, wenns gut läuft, nur einen halben Meter Platz zwischen den beiden Fahrzeugen. Bei kleiner Geschwindigkeit kein Problem, aber je älter der Opel, desto beschissener der Fahrer. Die Leute bremsen oftmals gar nicht ab und schießen einfach an dem Auto vorbei. Ein wenig erinnern die mich an die Japaner, die im Regen mit dem Fahrrad einfach den Kopf nach unten neigen um durch die Menschenmassen zu fahren. Die beten einfach, dass sie irgendwie durchkommen, anstatt mal etwas runterzubremsen um Rücksicht auf andere zu nehmen. Hier mit den 1-1,5 Tonnen schweren Todeskisten ist es ja noch übler. Ich entscheide, dass wir lieber an solchen Stellen im Notfall halt auch mal anhalten um die Kamikatzefahrer durchzulassen. Schlimm ist auch noch ein LKW, der trotz physikalischer Unmöglichkeit versucht an unserem Auto vorbeizufahren. Ich halte schon komplett links am Rand ab – ein cm weiter und ich lande im Graben und reiße den ganzen Unterboden auf. Der LKW Fahrer sieht mein anhalten als Aufforderung das Raum-Zeit Kontinuum zu brechen und hofft, dass sein LKW beim Vorbeifahren 20cm Breite verliert. Als ich merke, dass der Typ tatsächlich versucht mit einem Nanometer Lackdickenbreite an mir vorbeizufahren schmeiße ich den Motor an und Fahre vollgas nach hinten. Ich bin mir zwar noch nicht sicher, wo wir da Platz haben sollen, da der nächste Passing Point eigentlich zwei Meter hinter dem LKW ist, aber vielleicht hatte der Typ keinen Bock am Berg anzufahren. Ich suche mir irgendwo einen Teil des Grabens, der hoffentlich die Ölwanne nicht abreißt und rutsche mit den Reifen links runter. Der LKW heizt an mir vorbei und ich bin froh, dass wir wieder aus dem Graben irgendwie rauskommen.

Nach ca. einer halben Stunde lassen wir die Wälder hinter uns und sind plötzlich in einem weitläufigen Tal, umgeben von Bergen im Hintergrund. Wir merken, dass wir so langsam in den Highlands ankommen und die Aussicht ist einfach nur bombastisch. Man will am besten alle paar Meter aussteigen um einfach nur die großartige Ferne zu erleben. Die Straße ist fast leer, die Sonne spiegelt sich ein wenig in den Flüssen im Tal, der Himmel ist klar und die Berge im Horizont lächeln uns ein „schön das ihr hier seid“ zu. Die Szenerie hier steht den weitläufigen Fahrten in den USA um gar nichts nach und ein wenig erinnert es uns auch an die Szenen von Sense8, die in Island gedreht worden sind. Wir müssen aussteigen um ein wenig das tolle Gefühl auf dieser Strecke in Ruhe einzuatmen und auch wenn der Wind ein wenig kalt weht breitet sich in mir ein warmes Gefühl der Ruhe aus.

Wir versuchen ein paar Fotos zu machen, aber keines der Bilder kann die Szene hier einfangen. Ich denke dass macht wohl auch die großartigen Fotografen aus, die es schaffen das Gefühl was wir hier haben zumindest zu einem Teil auf dem Foto festzuhalten. Die Sonne geht auch so langsam unter, weshalb wir einsteigen um noch das letzte Stück nach Ullapool zu kommen.

Wir fahren auf der einzigen Straße hier in den Tälern entlang und bereits 20 Minuten vor dem Navigationsziel tauchen die ersten B&B einsam am Straßenrand auf, die wir als „Ullapool B&B“ in Aussicht hatten. Ullapool ist hier also wohl das einzige Kaff, was dazu führt, dass sogar die abgelegenste Hütte zu Ullapool zählt. Auch Ullapool selber kann man nicht als Stadt bezeichnen. Es ist eher ein Fischerdorf, was es noch viel Charmanter macht. Unser Navi führt uns ganz abgelegen in irgendein Wohngebiet. Wir sehen hier nirgends unser gebuchtes „Ardlair“ B&B, was wohl daran liegt, dass im Navi die Straße nicht exakt existiert. Es gibt zwar ein Moorfield Place, eine Moorfield Lane und das Moorfield Crescent, aber kein Moorfield Brae. Wir hofften, dass es da irgendwo nebendran sein würde, aber naja war ja irgendwie doch klar.

Glücklicherweise habe ich die Telefonnummer des B&B aufgeschrieben, also rufe ich verzweifelt die gute Frau im B&B an, die schon genau weiß, was das Problem ist und dass die Navis einen immer falsch führen. Uns wird aufgetragen noch ein gutes Stück aus Ullapool rauszufahren und auf einem einsamen Hügel sehen wir dann unser kleines B&B. Wir parken über einen sogenannten Cattlestop (das ist ein ein bis zwei Meter langer Graben, über welchen runde Metallstangen angebracht sind, damit die Rinder nicht darüberlaufen) hinein in den Hof des B&B. Rinder sehen wir keine und merken uns, dass wir die Besitzer noch zu dem Cattlestop befragen müssen.

Im B&B lebt die Familie, der es gehört mit einem kleinen Baby. Da die gute Frau das Baby erst kürzlich bekommen hat, wird es auch mangels Zeit kein Frühstück geben. Dafür ist der Preis mit 45 GBP pro Nacht der günstigste in unserem Trip hier. Wir wagen es nicht zu klingeln um das Baby nicht aufzuwecken, aber nach ein paar Momenten taucht die junge Frau auf und begrüßt uns herzlich. Ayesha plappert schnell und viel, aber hat einen verständlichen schönen schottischen Akzent der gleich mal ein paar Sympathiepunkte bringt. Sie zeigt uns unser Zimmer (3 Zimmer vermieten die), was mit einem Waschbecken im Zimmer ausgestattet ist. Gleich auf der gegenüberliegenden Seite über den Gang befindet sich unser Bad, was privat nur für uns ist. Wir haben also kein Zimmer mit integriertem Bad („en suite“ nennt sich das), sondern müssen rüberlatschen. Da es hier aber nur zwei weitere Zimmer gibt stört uns das gar nicht (dafür war das Zimmer auch noch billiger). Das Bett hat eine etwas komische Härte. Im ersten Moment fühlt es sich ultrahart an, aber sobald mal ein paar Sekunden drauf liegt sinkt es langsam ein und schmiegt sich dem Körper an. Vermutlich ist das irgendsoein Memory Foam Zeug.

Ayesha erzählt uns, wo man hier gut Frühstücken kann – sie wirkt schon richtig entschuldigend, dass es kein Frühstück gibt – und erzählt uns auch noch wo wir abends noch lecker essen könnten.

In Ullapool gibt es im Endeffekt nur zwei relevante Straßen, die erste und zweite Straße am Hafen. Dort befinden sich auch alle Möglichkeiten Essen zu fassen und man kann da auch einfach an der Straße parken. „We Scots don’t like to walk that much if we’re drunk from one pub to the other one“. Ayesha macht eine sehr gute Impression eines betrunkenen Schotten und erzählt uns auch noch, dass die in Ullapool keine Politesse haben, also kann man überall auch bei doppelt durchgezogener gelber, Linie parken (also im Halteverbot). Im Zimmer gibt es sogar in einer noblen Whiskeyglaskaraffe etwas schottischen Whiskey zum Probieren, was wir bisher noch nicht hatten. Wir haben einen unglaublich positiven Eindruck von dem B&B und freuen uns, dass wir diesmal zwei Nächte hier verbringen dürfen.

Um noch ein wenig Kraft zu tanken fahren wir die zwei Minuten zum Hafen herunter. Am Hafen parken wir einfach unkompliziert an der Straße und hören einen Fischkutter, der gerade seine Ladung abläd. Wir entscheiden uns heute für kein Restaurant, sondern für das Take Away namens „Chippys“, in welchem wir uns leckeren Fish&Chips gönnen. Das Chippys wirbt damit im Jahr 2004 von BBC4 als bestes Take Away in Großbritannien ausgezeichnet worden zu sein. An den Wänden prahlen die auch noch mit vielen weiteren Awards, doch mit 6 GBP für eine Riesenportion spürt man die Awards zumindest nicht im Preis.

Das Fish&Chips schmeckt jedoch so unglaublich frisch und gut, dass wir den Preisen auf jeden Fall zustimmen können. Die Schotten scheinen auch anders als in Irland oder damals in Liverpool das Fish&Chips nicht vorher zu stark mit Essig und Salz zu verwürzen, sondern man entscheidet selber wie viel man davon mag. Gerade für Einsteiger in den britischen Geschmack ist das eine wohltat, da das Essig über den Pommes doch schon etwas gewöhnungsbedürftig sein kann. Ich selber hau mir das aber gut drauf und vernichte dann mein Fish&Chips mit höchstem Genuss.

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