Schottland 2015 Tag 11

Heute ist der letzte „echte“ Tag, den wir in Schottland verbringen werden. Eigentlich nicht ganz Schottland, denn schlafen werden wir heute im Reich der Rotröcke.

Die Nacht im Corran Bunkhouse war ok. Das Bunkhouse ist halt eher eine Art Hostel, das hört man vor allem an den vielen Chinesen hier auf den Gängen. Wir schlafen ok auf dem eher härteren Bett, was aus zwei zusammengeschobenen Einzelbetten besteht, die zuvor richtig mit Schrauben abmontiert worden sind. Ob das extra für uns gemacht worden ist, ist eine gute Frage – vom Teppich her sieht es so aus, als ob die Einzelbetten vor kurzem hier noch an der Wand montiert waren.

Der Typ vom Corran Bunkhouse gestern war ziemlich sympathisch, was einen gleich viel positiver auf eine Schlafstätte einstimmt. Das Zimmer ist einigermaßen sauber, aber nicht wirklich rein. Was solls, dafür ist die Bettwäsche schön frisch. Wir haben im Bunkhouse jedoch zum ersten mal keinerlei Internetzugang, was hier in Schottland schon sehr irritierend ist. Theoretisch gibt es WiFi, aber der Router steht wohl in einem Eisencontainer – unter Wasser, sodass wir keine Chance zum Connect haben. Das sollte in Bewertungen o.ä. stärker ausgeprägt sein. Die Hotels sagen zwar sie hätten Free WiFi, aber wenn das Signal nutzlos ist, bringt uns das auch nichts. Wirklich aufgeregt hat es uns jedoch nicht, da wir ohnehin nichts sinnvolles außer diese Beiträge hier im Internet treiben.

Das Bunkhouse hat in der unteren Ebene eine Küche mit ein paar Tischen, ein paar Öfen und einem kleinen Kühlschrank. Die Zimmer haben hier so Ikea Boxen, in welchen sie ihr Essen aufbewahren können. Das Bunkhouse möchte nämlich nicht, dass man auf den Zimmern isst. Wir ignorieren das natürlich, aber ich denke auch, es geht hier mehr um Fish&Chips oder irgendwas Asiatisches auf den Zimmern. Den Geruch riecht man nämlich noch ein paar Tage danach.

Eine Sache war noch etwas störend: In unserem Zimmer hat es in unregelmäßigen Abständen irgendwie… geklopft? Irgendein Geräusch kam aus der Ecke der Zimmers, von dem wir zunächst dachten, jemand auf der anderen Seite würde einfach öfters mal gegen die Wand klopfen. Als das jedoch mehrere Stunden so lief wird man so langsam etwas paranoid. Ich habe bereits aus dem Dachfenster gespäht, da ich so langsam Tiere oder Geister vermute, aber trotz Mythbusterischer Analyse kann ich bis heute nicht sagen, was uns da so terrorisiert hat. Nach zwei Stunden Klopfgeräuschen bekommt das Gehirn aber langsam Lücken, die einen die Geräusche fast schon vergessen lassen. Empfindliche Zeitgenossen hätten hier aber keine ruhige Nacht verbracht.

Wir checken aus und wundern uns beim rausgehen ein wenig, was für ein altes Clientel sich hier so rumtreibt. Bisher haben wir nur alte Menschen hier gesehen, was für eine Art Hostel schon etwas komisch ist. Die meisten älteren gönnen sich schon eher ein Bed & Breakfast oder gar ein richtiges Hotel – oder sie sind gleich ganz urig und nehmen einen Camper, in welchem sie sich rumtreiben.

Wir haben heute eine fünfstündige Fahrt vor uns um nach Carlisle zu kommen – einer Stadt rund 2h von Manchester entfernt, damit wir am nächsten Morgen noch zeitig am Flughafen ankommen.

Heute wollen wir uns noch das Glencoe anschauen. Das Tal, welches wir gestern schon kurz überflogen haben, wird immer wieder in Reiseführern erwähnt. Einige Filme nutzen verschiedene Locations im Tal als Drehorte, so unter anderem Harry Potter und Skyfall.

Wir decken uns im Supermarkt mit unseren letzten Sandwiches für ein kleines Picknick ein und fahren zum Visitor Center, das gestern noch geschlossen war.

Üblicherweise gehen wir in solche Visitor Center um uns um die Möglichkeiten in der Umgebung zu informieren. Das Visitor Center hier erinnert uns mal wieder an die Center in den Nationalparks in den USA, was wir immer mit etwas positivem verbinden. Dieses Visitor Center zählt sogar als eigene Attraktion auf Tripadvisor, was die Erwartung dementsprechend in die Höhe getrieben hat.

Wir latschen mit unserer Einkaufstüte nach hinten durch, in der Hoffnung am View Point irgendeine Picknickfläche zu finden. Der View Point am Visitor Center begeistert uns irgendwie nicht. Wir wissen noch nicht so ganz, was so toll an dem Glencoe sein soll. Sind halt paar Hügel hier um uns rum.
Es ist wie am Ende jedes Urlaubs – irgendwann hat man sich einfach sattgesehen an dem Zeug. Selbst in den bombastischsten National Parks sagen wir oftmals gegen Ende „Jo – schöne Steine“. Ist schon traurig. Das passiert meistens wenn man auch nicht genug Ruhepausen auf der Reise hat und wenn sich die einzelnen Orte so langsam zu sehr ähneln.

Wir finden im Außenbereich des zugehörigen Cafés ein paar Bänke und Tische, also setzen wir uns frech mit unserer Einkauftüte dort hin und futtern die Sandwiches. Vermutlich ist das hier der Außenbereich des Cafés, aber gemeckert hat mal keiner. Während wir das Frühstück mampfen glitzert die Sonne durch die Äste der Bäume um uns zu begrüßen. Das Licht macht Fit und glücklich, das merken wir vor allem wenn ein paar Vögel um uns rumschwirren und singen. Einige kommen sogar direkt neben uns auf den Tisch und starren uns ein wenig an. Ein Kraulen erlauben die uns nicht – vermutlich hoffen die einfach auf irgendwelche Krümel.

Wir sind hier von dem Visitor Center ebenfalls nicht sehr begeistert. Es gibt außer einer Tafel mit ein paar Wanderwegen keine weiteren Infos hier. Auch wartet hier kein motivierter Ranger um einen ein paar Empfehlungen zu geben. Während Sarah kurz auf die Toilette geht, will ich kurz in die Ausstellung über Glencoe laufen.

Ich bewege mich in Richtung Durchgang zur Ausstellung und stiere auf den freundlichen Mitarbeiter dort. Ich frage ihn kurz „Can I just go in“. Ein paar Schritte gehe ich näher ran und er hebt seinen Arm um auf ein Schild zu zeigen. Als ich realisiere, dass die 7GBP pro Person für das Eintreten in die Ausstellung verlangen bewege ich mich sofort mit dem Rücken zur Wand nach hinten. Er lächelt kurz und ich sage kurz „I think I’ll just stay here“. Er nickt freundlich, aber anklagend während ich nach einer Ausrede ringe „We’re here only for a few moments“.

Ich packe Sarah und wir flüchten schnell aus dem Visitor Center, bevor die noch die Kreditkarte anzapfen können.

Sarah hat glücklicherweise noch eine Karte vor dem Klo geklaut, in der die wichtigsten Punkte hier im Tal eingezeichnet sind, also machen wir uns auf den Weg zum „Signal Rock“, der ganz groß hier eingetragen ist.

Der Signal Rock muss irgendwas glorreiches sein, denn auch auf der Karte im Center ist er einer der wichtigsten Punkte hier. Wir haben den Signal Rock sogar vorgeplant gehabt, da dieser bei Trip Advisor einer der Top Punkte im Glencoe darstellt.

Wir fahren die Talstraße entlang und parken am Parkplatz zum Signal Rock. Es sind irritierend wenige Fahrzeuge hier, was aber daran liegen könnte, dass wir heute so früh wie noch nie darn sind. Es ist gerade mal kurz vor 10, was für uns fast schon die Frühschicht darstellt.

Wir wandern hier durch die Wälder hin zu dem Signal Rock. Wir stellen uns vor, dass die einstündige Wanderung zu einem Aussichtspunkt führen wird, an welchem wir einen glorreichen Stein betrachten können.

Als wir nach fast einer Stunde Wanderung durch den Wald den Signal Rock erreichen, ist das einfach ein dummer Felsen auf den wir hochlatschen können. Wir haben von dem Ding nicht einmal irgendeine Aussicht, da um das Ding herum alles zugewachsen ist. Das Schild davor erläutert, dass der Felsen von irgendwelchen Schotten immer wieder angezündet worden ist um irgendwelche Signale zu machen (also wie bei Herr der Ringe). Ja ganz nett, aber meine Fresse war das Ziel enttäuschend. Vielleicht ist das hier im Herbst interessanter, wenn die Blätter etwas zurückgegangen sind, aber man war ich unbefriedigt von dem Trip.

Wir fahren weiter die Talstraße entlang, wo wir anhand der schrottigen Karte von Sarah versuchen irgendwie unseren nächsten Punkt zu finden. Wir wissen noch nicht so richtig, was überhaupt wir anschauen wollen, denn unsere Füße sind schon total schlapp und brauchen einfach eine Pause. Wir fahren ein wenig hin und her um irgendwie den Weg zum Lost Valley zu finden. Ein Punkt der als Toppunkt hier empfohlen wird, aber die Wanderung wird als 2h pro Richtung einfach zu krass für uns sein.

Die Talstraße hat immer wieder eine Verengung an den Stellen, an welchen wir über alte Brücken fahren müssen. Es ist schon irre, da auf der Straße hier in beide Richtungen viele LKWs fahren. Der Verkehr hier könnte locker eine größere Bundesstraße ausfüllen, aber den Schotten genügt ein Warnhinweis vor jeder Microbrücke „Fahrzeuge könnten hier entgegen kommen“. Das das nicht immer funktionieren kann, sehen wir gleich ein paar hundert Meter weiter vorne, wo ein Wohnwagen sich kurz mal den Außenspiegel abreißt. Die Straße ist komplett voller kleiner schwarzen Plastikteilchen. Der Wohnwagen hält an um den Schaden zu begutachten und wir wundern uns noch wieviel Material aus so einem kleinen Außenspiegel rausfliegen kann. Sein Gegner bremst nichtmal ab und verschwindet einfach im Horizont.

Wir finden irgendwann dann mal nach einem kleinen Wasserfall (der uns wieder nicht sehr begeistert – einfach zu viele gesehen) dann doch den Parkplatz zum Aussichtspunkt der Three Sisters (man starrt dort drei Berge an) und den Weg zum Lost Valley.

Der Tag ist hier noch jung, also sagen wir uns, dass wir ein „kleines Stückchen“ den langen Wanderweg zum Lost Valley doch noch angehen.

Auf dem Weg dahin kommen uns Leute entgegen und deren Einschätzungen des Weges motivieren mich die Wanderung doch noch zu machen. Der eine sagt eine dreiviertel Stunde, der andere anderthalb Stunden… was solls, wir probierens.

Die Wanderung ansich wäre von der Entfernung her gar nicht so dramatisch, aber es geht hier unglaublich steil hinauf. An manchen Stellen wurden sogar Stahlseile als Kletterhilfen angebracht, damit wir überhaupt hochkommen. Mein Puls ist nonstop auf 180 und der Sabber läuft mir die Arme entlang ab. Sarah juckt der Aufstieg kaum, aber die verdammten Minifliegen, die sogenannten Midges quälen uns. Diese kleinen Scheißviecher sind so groß wie Fruchtfliegen, aber sie stechen einen und hinterlassen lauter rote Punkte, die manchmal auch am Abend noch höllisch jucken.

Der Aufstieg war kein bisschen so, wie man es von einer öffentlichen Sehenswürdigkeit erwarten würde. An einer Stelle mussten wir sogar an einem Berg entlangkrabbeln, wo jeder abrutscher einen Sturz nach unten bedeutet hätte. Es erstaunt uns schon immer wieder, wie ungesichert das alles ist.

Uns wird auf dem Weg immer wieder versichert, dass sich der Aufstieg lohnt, aber man war ich fertig. Das Problem war auch die Tatsache, dass wir ja den ganzen Weg wieder zurücklaufen müssen. Ich schaffe es also gerade so mit den letzten Kräften hinauf in das Lost Valley, aber der Gedanke an den Abstieg kneift mir die Arschbacken zusammen.

Wir schaffen es irgendwann mal oben anzukommen um dann einen doch sehr schönen Blick in das zugehörige Tal zu haben. Ja doch es hat sich hier gelohnt, auch wenn der Weg beschwerlich war. Es sind nicht sehr viele Leute hier, aber im Horizont können wir sehen, dass irgendwelche Leute sogar von der anderen Seite der Berge in das Tal hinabwandern. Anscheinend gibt es da noch einen Weg den man gehen könnte, aber für uns ist an dem Ziel hier Schluss. Wir machen noch ein paar Fotos und ich nuckle etwas Wasser aus der Mars Schokotrunk Flasche vom heutigen Frühstück. Die Leute die vorbeilaufen müssen sich auch denken, der dicke Kerl da schwitzt und kolabiert fast und dann haut er sich noch einen Schokotrunk von Mars rein. Ich schäme mich fast für die Flasche – bei vorbeilaufenden Leuten verspüre ich den Drang zu erklären, dass Wasser in der Flasche ist.

Während wir hier die Kräfte für den Abstieg sammeln kommen die Leute von der anderen Seite des Berges langsam unserem Weg entlang. Ich spreche einen Franzosen an und frage, wo zum Teufel er denn herkommt. Der Franzose entschuldigt sich verschüchtert für sein Englisch (die Franzosen schämen sich irgendwie immer für das Englisch) aber berichtet uns von seinem Trip. Er ist seit 4 Stunden von der anderen Seite des Hügels unterwegs und wurde ebenfalls von Midges angegriffen. Der Typ macht seine Reise hier auf dem Fahrrad, was mir bereits nur beim Gedanken daran einen Schweißausbruch beschert. Er bleibt fast schon etwas unangenehm lang bei uns – vermutlich ist er etwas einsam. Er nimmt den Weg nach unten aber dann doch allein auf – wir wären eh viel zu langsam für den heroischen Sportzosen.

Nach unten geht es dann doch ganz angenehm. Die Knie sind hier sogar vergleichsweise geschont, da der Weg mit Steinen als einer Art Treppe mit sehr kleinen Stufen ausgelegt ist.

Nach einer guten Stunde sind wir dann so langsam wieder am Auto angelangt. Insgesamt haben wir nur 2,5h für die Wanderung gebraucht, aber es kam mir wie ein Sprint vor. Ich habe endgültig die Schnauze vom Wandern voll, auch wenn ich mich doch irgendwie nach der Wanderung gut fühle. Ich bin wohl der einzige, der beim Wandern ein Runners High bekommen kann.

Wir treten abschließend die Fahrt in unsere heutige Unterkunft an. Der Weg führt am Loch Lommond vorbei, dem größten See Schottlands. Wir hatten ursprünglich angedacht dort anzuhalten und irgendwo was zu essen, aber wir haben nach der Wanderung kein Bock mehr.

Kurz nach 8 Uhr kommen wir in Carlisle an. Carlisle ist eine relativ große Stadt, in der man aber doch ganz gut Auto fahren kann. Wir parken sogar direkt gegenüber von unserem „Corner House Guesthouse“, einfach an der Straße. In größeren Städten ist so etwas eigentlich Luxus.

Am Guesthouse müssen wir klingeln, aber niemand kommt. Wir klingeln nochmals und nach ein paar Minuten kommt eine Frau rüber die etwas abgewrackt aussieht. Crackhure ist vielleicht nicht das politisch korrekte Wort, aber in einem Crackhouse würde die nicht besonders auffallen. Sie ist aber sehr nett und gibt uns schnell Schlüssel.

Das Zimmer ist erstaunlich schön. Wir haben ein Himmelbett, ein großes, sauberes, modernes Bad und es müffelt nicht einmal. Das Haus hat wieder mal sehr viel Charme – das bekommen die hier in Schottland schon ganz gut hin.

Unsere Crackhure schlägt uns das Essen in der Kette „Wetherspoon“ vor, da man dort wenigstens bis 11 Uhr Essen bekommt. Sie sagt das Essen sei nicht ausgezeichnet, aber preiswert und gut. „Nothing Fancy“ ist genau das was wir heute wollen, also lassen wir uns den Weg erläutern.

Der Weg wird von ihr einfach mit „Right then Left and then pass the View Cinema“ erklärt, was dazu führt, dass wir uns in den dunklesten Ghettos in komplett falschen Ecken der Stadt rumtreiben. Wir laufen irgendwann nach einer Ewigkeit im Vergewaltigungshinterhof des Kinos entlang und wundern uns, dass wir noch nicht abgestochen worden sind.

Kaum läuft man jedoch die Straße vor, taucht man in einer belebten Innenstadt auf, die wunderbar sympathisch wirkt. Wir bekommen so richtig Lust auf die Stadt hier – irgendwas hat Carlisle, das einem Bock auf den Samstagabend hier macht. Die schöne Hauptstraße wäre sogar die Straße direkt von unserem Hotel gewesen – also keine Ahnung was die zahnlose Crackhure da erzählt hat.

Das Wetherspoon ist von außen ein ganz typisches Pub – schön beleuchtet, super Stimmung, im TV läuft Fußball. Man setzt sich einfach an einen Tisch, merkt sich die Tischnummer und geht vor an die lange Bar um das Essen und Bier zu bestellen und gleich zu bezahlen. An der Bar befinden sich schon ein paar Besoffene und an den Glückspielautomaten ein paar glücklose. Hach das Ding hat einen Charme (wie oft habe ich eigentlich das Wort Charme in diesen Texten hier verwendet) der so wunderbar konstruiert und für uns doch echt ist. Diese Kette hier, die wohl eine Art britisches McDonalds darstellen soll, weiß einfach genau was die Leute wollen.

Wir essen zwei Burger, die viel zu groß für den Mund sind, und erfreuen uns auch an den leckeren Pommes dazu. Ja wir sind zufrieden hier mit dem letzten Abendessen und irgendwie vermisse ich bereits Schottland beim Heimlaufen in unser B&B. Carlisle ist auf jeden Fall nochmals einen Abstecher – zumindest am Abend – wert.

Wir nutzen den restlichen Abend noch zum zusammenpacken unserer Koffer und stellen unseren Wecker auf 7 Uhr um morgen noch rechtzeitig am Flughafen anzukommen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.