Schottland 2015 Tag 8

Oh die Nacht heute war anstrengend. Sarah geht alle 2 Stunden zum würgen aufs Klo. Warum auch immer, die hat nur zweieinhalb Gläser Wein gehabt, aber vermutlich ist die Mischung Wein und Fischzeug etwas, was auf ihren Magen schlägt.

Das allein wäre gar nicht so tragisch, aber unsere Tür quietscht das ganze Haus zu, wenn man die Klinke runterdrückt. Jedes mal beim Öffnen der Tür und auch beim Schließen der Tür hallt das ultralaute Quietschen durch das kleine Häuschen hier.

Als wir Nachts zuvor ins Zimmer ankommen, fällt uns auf, dass Christine im Zimmer neben uns schläft. Unser Kopf ist also durch die Wand vermutlich nah an ihrem Kopf. Bei den papierdünnen Wänden kann Christine uns sicher reden hören…

Das Quietschen macht also die Frau, die unser Frühstück morgen machen wird sicher sehr glücklich. Als Sarah um 5 Uhr morgens das letzte mal aufs Bad geht, ist das Licht in Christines Schlafzimmer bereits an.

Naja eine quietschende Tür ist ja auch irgendwie ihr eigener Fehler – was können wir schon dafür.

Der Wecker klingelt um 8 Uhr und wir quälen uns aus dem Bett heraus. Unten laufen wir ins Frühstückszimmer und klopfen vorsichtig an der Tür. Es taucht nicht Christine sondern ein älterer Herr mit Kochschürze, vermutlich ihr Mann, auf. Er stellt sich nicht namentlich vor, sondern begrüßt uns, frägt uns nach Kaffee oder Tee und frägt uns ein wenig aus. Wir erfahren nie seinen Namen, aber nennen wir ihn einfach John.
John ist ein Soldat in Rente, der früher mehrfach in Deutschland stationiert war. Er schwärmt von Deutschland, wie manche von uns von Schottland schwärmen und kann uns gar nicht genug über bestimmte Orte nahe des Rheins ausfragen. Uns fällt da auf, wie wenig wir von Deutschland noch bisher bereist haben. Wir sparen uns ja Deutschland ein wenig für das älter sein auf, aber wenn ein Schotte mehr als du selber von deinem Land kennt, wird es langsam etwas peinlich. Wir müssen auf jeden Fall mal ein wenig Geographienachhilfe nehmen um zumindest zu wissen, wovon die Leute so sprechen.

John ist vermutlich weitaus älter, als er aussieht, da er sich doch hier und da ein wenig wiederholt, doch er hat keine Angst vor der Technik. Er geht kurz raus und holt sein iPad, auf welchem er dann die Orte googled von denen er spricht. Er zeigt uns Fotos aus der Google Bildersuche um zu unterstreichen, wie toll die Altstädte in Deutschland sind und er erfreut sich dermaßen von den kleinen Sträßchen auf den Bildern. Für uns sind die Fotos wie ein Schnappschuss aus Ehingen, also nichts, dass uns ein „Boah“ entlocken würde. Da sieht man wieder, dass auch massig Schönheit direkt vor der Haustür liegt, man diese aber gar nicht mehr so direkt wahrnimmt. Wie immer wenn jemand von Deutschland schwärmt, nehmen wir uns vor zuhause mal etwas mehr darauf zu achten, was unsere Heimat so bietet.

John macht uns ein britisches Frühstück – ein schottisches mit Bloodpudding traut uns wohl hier niemand zu, aber Bacon und Eier sind immer ein guter Start in den Morgen. Da heute Sonntag ist, fragen wir noch, was man so machen könnte und er empfiehlt uns abgesehen von den Normalen Top 4 auf Tripavisor noch einen kleinen alten Friedhof. Auf diesem Friedhof ist irgendeine Lady begraben, deren Grabstein ein arschteurer Marmorstein des Designers Alexander McQueen sein soll. Der Designer hat sich 2010 das Leben genommen, was den Wert von solchen Sachen natürlich ins unermässliche steigen lässt. Er empfiehlt mir Sarah vom Googlen des Designers fernzuhalten, sonst muss ich mein Auto für eins der Kleider verkaufen.

Wir nehmen heute also Fahrt auf die Nordschleife der Insel auf und tuckern mal wieder über die bekannten Single Track Roads. Wenn man es nicht eilig hat, sind diese Straßen auch nicht besonders stressig – man muss halt langsam fahren wenn einem was entgegen kommt.

Unser erster Stop heute, ist auch schon der wichtigste für uns auf der Isle of Skye. Der sogenannte „Old Man of Storr“ ist eine bekannte Felsformation, die auch immer wieder in irgendwelchen Filmen verwendet wird. Schon auf der Fahrt dahin sieht man diese riesigen Felsen im Horizont grüßen und an jeder zweiten Parkbucht steht irgendein Touri, der sein Foto von den Dingern schießen will. Verglichen mit gestern sind hier richtig viele Autos unterwegs und als wir am Parkplatz zu dem Old Man of Storr kommen, sehen wir zum ersten Mal seit Tagen wieder eine richtige Auto Ansammlung mit Autos und kleinen Bussen, die hier alle die Wanderer zu dem Old Man of Storr herbrachten. Wir finden dennoch einen kleinen Parkplatz fast am Eingang zu dem Wanderweg, während andere mehrere hundert Meter weiter die Straße hinauf parken müssen.

Wir packen unseren Kram zusammen und sind froh uns heute warm angezogen zu haben. Die Sonne schaut nur selten hinter dem Wolkenteppich hervor und der Wind ist hier so stark, dass er bei manchen Böen mein Gewicht stemmen kann. Wir haben unsere Regenjacken, die heute eher Windjacken sind, dabei, ziehen Mütze und Schal an und beginnen die lange Wanderung zum Old Man of Storr. Gleich am Fuß kommt uns Steffi von gestern entgegen, die das Ganze schon hinter sich hat. Sie erzählt von einer einstündigen Wanderung, wirkt aber etwas neben der Kappe – vielleicht hat sie sich auch da oben etwas zugedröhnt und einfach ne Stunde etwas im Kreis gelaufen.

Die Wanderung beginnt an einem Kiesweg, der gleich zu Beginn eine Abzweigung anbietet. Mal wieder hat man hier die Wahl zwischen links und rechts um eine Schleife zu drehen und kaum haben wir uns für den linken Weg entschieden beginnt das Hinterfragen, ob das die richtige Entscheidung war. Die Angst den schlechteren Weg gelaufen zu sein belastet uns so sehr, dass wir sogar kurz überlegen umzudrehen. Man warum kann es hier nicht einfach einen Pfeil geben, der aussagt wie rum man laufen soll. Während der Wanderung gibt es immer wieder Momente, an welchen man die Balance wegen dem starken Wind halten muss um nicht umzufallen. Wenn man die Jacke jedoch ausbreitet und mit dem Wind arbeitet, kann der einen auch ein wenig anschieben. Oftmals fällt einem das Atmen sogar schwer, wenn gerade ein starker Windstoß den Atemrythmus durchbricht. Wir schwitzen dennoch beim erklimmen des Weges, also sind wir manchmal ganz froh darüber, dass hier keine Sonne auf uns knallt.

Als wir den Weg nach einer dreiviertel Stunde oben angelangt sind beginnt die eigentliche Wanderung erst. Wir sehen die große Felsformation vor uns, aber der Weg dahin ist steil mit einer Art Treppe aus heruntergefallenen Steinen versehen. Wir schnaufen kurz durch und beginnen dann den eigentlichen Kampf gegen die Natur und deren Felsen.

Auf dem Weg nach oben kommen uns richtig alte Leute mit ihren Wanderstöckchen entgegen und ich überlege mir immer wieder, dass ich auch gerne so ein Ding hätte. Wie zur Hölle diese morschen Menschen das Ding erklommen haben ist mir ein Rätsel.

Wenn man nach einer weiteren dreiviertel Stunde so langsam oben an dieser Naturtreppe angekommen ist, starrt man die großen Felswände an und fühlt sich ein wenig, als ob hier die Unendliche Geschichte oder ein Herr der Ringe Teil gedreht worden ist. Man kann hier nun überlegen den Anblick zu genießen und nach unten zu wandern, oder man ist so blöd und fängt das Erklimmen bis zum Fuß des Old Man of Storr an (also der große Felsbrocken ansich, der wie ein Hinkelstein aussieht). Weiter im Horizont nach rechts sieht man auch noch Menschen einen anderen Hügel erklimmen, der wie eine Aussichtsplattform aussieht. Wir liebäugeln auch noch mit der Wanderung dahin, jedoch sehen die Menschen dort so klein aus, dass es doch noch nach einem guten Stück Fußmarsches aussieht.

In dieser Höhenlage können wir sehen, wie plötzlich die Wolken zwischen Hinkelstein und der Felswand durchgedrückt werden. Man sieht regelrecht wie die fluffigen Dinger nur 20-30 Meter (keine Ahnung, blind geschätzt) über einen vorbeiziehen. Man sieht damit aber auch, wie die Regenwolken hier hineinziehen. Kaum schiebt es die Wolken über unsere Köpfe, werden wir schon ziemlich nass und kalt. Die Stimmung sinkt dabei auch ein wenig, da die Nässe doch schon ein wenig… nass ist.

Anstatt jedoch sofort den Abstieg zu beginnen sind wir natürlich so blöd und wandern zwischen dem Stein und der Felswand dahinter umher um vielleicht ein wenig Schutz vor dem Regen zu finden. Zwischen dem Old Man und der Felswand sind zwar jede Menge Steine, die im Laufe der Jahre weggebröckelt sind, aber die Natur war nicht so freundlich um uns ein paar Formationen mit Regenschutz zu gönnen. Als wir so langsam um den Old Man herumgewandert sind hört jedoch der Regen langsam auf und wird ersetzt durch den üblichen starken Wind. Wir wollten schon den Abstieg nach dreiviertel der Umrundung des Old Man beginnen, als wir vom Fuße des Old Man ein Wandererpärchen absteigen sehen. Der Weg zum Fuß des Steins sah ohne Regen dann doch noch bezwingbar aus, also kletterten wir jetzt richtig auf allen Vieren die Steigung zum Fuße des Old Man hinauf. Ein wenig Matsch hier, ein wenig Steine da und schon ist man fast komplett am Fuß von dem Ding gewesen. Wir erklimmen eine Ebene kurz vor dem Fuße, wo wir dann von einem regelrechten Windkonzentrat überrollt werden. Die Windstärke an dieser Stelle war so enorm, dass ich mich mit meinen 100kg komplett in den Wind lehnen konnte. Man musste eigentlich auf allen vieren Krabbeln, da der Wind einen sonst umhauen könnte. In manchen Momenten war er so stark, dass meine Lunge gar nicht richtig atmen konnte. Die Nasennebenhölen wurden hier so durchpustet, dass die Rotze nur aus der Nase geschossen kam. So muss man sich fühlen, wenn man in einen Windtunnel geht.

Anstatt jetzt jedoch sofort kehrt zu machen, stehen wir noch etwas irritiert in diesem Windtunnel. Drei Männer kommen um die Ecke über uns am Fuße des Old Man und werden sofort auf die Fresse gelegt, als sie ebenfalls in unseren Windtunnel auftauchen. Wir lachen alle und einer tritt an uns heran und schreit etwas von der Konstellation dieses Windtunnels hier. Irgendwie knallen die Winde an der Kante hier rauf und in dem Bereich in dem wir uns befinden wird der komplette Wind durch die Öse hier gepresst. Ich wünschte wirklich wir hätten messen können, wieviel km/h der Wind hier hatte – einfach Irre was für eine Naturgewalt man hier spüren konnte.
Einer der Männer ist so nett und möchte ein Foto von uns machen. Wir geben ihm die Kamera und er steckt seine Cappy in die Jacke hinein. Als er ein paar Fotos macht, saugt der Wind die Cappy unter seiner Jacke hinaus und schießt sie nach hinten raus. Ich sehe einen seiner Kumpels bereits der Cappy am Rande des Abrunds hinterherrennen und sehe den Trottel bereits dort wegen einer 5 EUR Cappy hinunterstürzen. Der Kerl besinnt sich doch kurz vor dem Absprung noch und setzt sich auf den Arsch, bevor der Wind ihn runterstoßen kann. Unser Fotograf schreit ihm noch zu, dass er es sein lassen soll. Wir haben hier schon fast ein schlechtes Gewissen, da er für unser Foto sowohl Cappy als auch fast seinen Kumpel verloren hätte. Er meint, dass er die sicher wieder unten finden wird und so gehen wir wieder getrennte Wege – er ohne Mütze, wir mit Foto.

Wir geben uns trotz Naturgewalten nicht geschlagen und kriechen den Weg nach oben zum Fuß des Old Man. Ich werde ihn anfassen – koste es was es wolle. Kaum sind wir um das Eck rübergekrabbelt lässt die enorme Windkraft sofort nach. Es windet immer noch ordentlich, aber man ist hier Herr der Lage. Sarah hat hier jedoch schon komplett die Schnauze voll, weshalb sie jetzt langsam wieder den Abstieg von dieser Anhöhe beginnt. Mit Geduld kommt man immer runter, aber ein wirklicher Kletterfan wird sie wohl nicht werden.

Ich hingegen will noch kurz um das letzte Stück am Fuße des Old Man laufen, um kurz zu gröhlen, dass ich den Arsch bezwungen habe. Mein kleiner Grunzer erzeugt aber keinen Ton, da der Wind hier dennoch der Chef ist. Ich mache noch mein Foto vom Ausblick und klettere dann auch langsam hinab, wo Sarah bereits wartet. Mein Weg war übrigens der bequemere.

Wir wollen hier eigentlich bereits nach unten laufen, also wählen wir einen Pfad in der Hoffnung, dass dieser uns etwas die Steintreppe hinunter führt. Stattdessen führt der Pfad wieder zum Gipfel der Steintreppe, weshalb wir jetzt nach all den Strapazen wieder an der selben Abzweigung sind, an welcher es angefangen hatte zu regnen. Da es inzwischen aber fast schon etwas sonnig aussieht und im Horizont die protzigen Wanderer wieder die Übersichtsplattform besteigen, entscheiden wir (Sarah nicht so glücklich) doch noch einen auf Hobbit zu machen und an dem Berg entlang zu der Plattform zu wandern. Der falsche Pfad zum Gipfel des Weges war einfach ein Zeichen, dass wir diese verdammte Plattform noch erklimmen müssen.

Unsere Füße sind schon von den letzten Tagen etwas gequält und mein Gammelzeh macht mir hier und da manchmal zu schaffen. Bergauf geht es mir besser, da der Zeh etwas ruhe hat, dafür quälen Sarah ihre Fersen. Bergab gehts ihren Fersen gut, während mein Gammelzeh rumpocht. So ergänzen wir uns sozusagen.

Wir erklimmen nach nur einer Stunde auch die Plattform noch und ich fühle mich sehr befriedigt von diesem Aufstieg. Wir haben dem Berg hier gezeigt wo der Hammer hängt. Ein paar Fotos später wird es aber langsam Zeit den Weg nach unten aufzunehmen. Wir sind hier schon mehr als zwei Stunden unterwegs, und der Weg nach unten liegt auch noch vor uns. Anders als hin zur Plattform entscheiden wir uns zurück dafür den Weg quer durch das Feld zu wählen. Man darf hier einfach querfeldein Wandern, was bei solch einer Attraktion schon erstaunlich ist. Normalerweise darf man bei so etwas die Wanderwege nicht verlassen, aber hier in Schottland könnten wir sogar theoretisch einfach durch das Feld laufen und ein Zelt aufbauen. Man verspürt hier eine richtige Freiheit, die man sonst nur selten hat.

Der Weg nach unten ist zügig, aber hart für den großen Zeh. Weiterhin muss man beim Auftreten auch noch darauf achten, dass man nicht in ein Loch tritt, das einem den Fuß kosten kann. Dennoch scheint der Weg besser, als die verdammte Steintreppe, also ziehen wir das ganze bis nach unten zu dem Weg am Anfang durch. Zurück zum Car Park gehen wir jetzt ja die andere Seite des Loops, von welcher wir dachten, dass es die bessere sein könnte. Wir merken aber hier, wie extrem steil der Hinweg gewesen wäre, also freuen wir uns, dass wir doch die richtige Entscheidung getroffen hatten.

Nach insgesamt rund drei Stunden sitzen wir im Auto mit leicht pulsierenden Füßen. Aus irgendeinem Grund verspüren wir im Auto dieses zufriedene Gefühl, was man auch nach dem Fitness oftmals hat. Am Anfang der Trainingssession denke ich mir oftmals, warum tue ich das, aber wenn wir fertig sind verspüre ich irgendein gewisses Gefühl von Zufriedenheit.

Wir fahren nach ein paar Minuten an einem Randparkplatz rechts ran und futtern zufrieden mit Blick auf eine abfallende Klippe, die vermutlich der berühmte Kilt Rock ist, unsere Sandwiches. Das Auto beschlägt von innen, da es draußen regnet und wir selber von der Wandertour noch so heißen Dampf ablassen.

Der Tag ist jedoch noch nicht vorüber (auch wenn wir in Deutschland wohl jetzt nach Hause gefahren wären), weshalb unser nächster Stop der Kilt Rock sein sollte. An der Stelle, an welcher wir anhalten, gibt es jedoch keinen Kilt Rock, sondern nur irgendeinen Wasserfall und irgendwelche alten Häuser am Strand. Wir sind zu geschafft um uns näher damit zu befassen, also laufen wir wieder zum Auto um einfach zum nächsten Aussichtspunkt zu gelangen. Theoretisch könnte man hier auch wieder eine zweistündige Wanderung machen – wie so ziemlich an allen Orten auf Skye. Deshalb verbringen hier die Leute auch soviel Zeit, denn jede Attraktion lässt sich hier mit mehrstündigen Wanderungen kombinieren.

Ich erwähne diesen ersten Zwischenstop auch eigentlich nur, weil hier ein Blinder mit einem Guide Dog rumgelaufen ist. Der Weg zum Wasserfall ist eigentlich schon gar nicht behindertengeeignet (wie so ziemlich alles hier – mit Rollstuhl kann man Schottland vergessen), aber mit Guide Dog scheint es doch zu gehen. Der Hund von dem Mann jedoch ist so ein absolut wunderschönes Tier, sodass ich Sarah davon überzeugen muss, dass sie doch bitte nicht dem Blinden seinen Hund stehlen soll. Man sieht dem Hund im Verhalten richtig an, dass es ein unglaublich gut ausgebildetes Tier ist und auch so sieht er besser gepflegt als ich selber aus.

Kurz vor der Abfahrt zum Kilt Rock sehen wir den blinden Mann auch noch kurz mit seinem Hund vor dem Auto (er hat jemanden dabei, der ihn wohl auch fährt). Er trocknet den Hund hier mit einem Handtuch liebevoll ab und man sieht richtig, wie respektvoll er das Tier behandelt. Diese Guide Dogs für Blinde sind einfach eine Klasse für sich – aber die 20.000EUR für solch einen Hund müsste man mal irgendwo rumliegen haben.

Wir schauen uns am nächsten Stop den Kilt Rock an – ein abfallender Fels zum Meer hinaus, der zusammen mit einem Wasserfall ziemlich sexy aussieht. Hier kann man mit dem Auto bis ganz nach vorn vorfahren und kurz ein paar Fotos schießen – sehr amerikanisch diese Attraktion.

So langsam mussten wir beide dringend auf die Toilette und während in den Highlands überall Free Parking mit Toilets herrschte, gibt es hier an keiner der vielen Touristenattraktionen ein Klo. Keine Ahnung wo die Leute hier pinkeln gehen. Wir suchen krampfhaft nach einer Toilette an irgendwelchen Supermärkten, die im Navi existieren, aber hier nicht, und nach irgendwelchen öffentlichen Orten mit möglicher Toilette, die natürlich keine haben. Unser letzter Strohhalm ist ein Camping Platz, bei welchem wir so tun, als ob wir interessiert wären um kurz die Toilette verwenden zu können. Ich gehe hinein in die Rezeption um zu erfahren, wo denn dieser Friedhof mit dem Stein von Alexander McQueen sein soll und werde von dem Besitzer des Camping Platzes zu einem uralten Friedhof verwiesen. Wir fahren zu dem Friedhof, müssen aber feststellen, dass hier nur irgendwelche Familien ihre Toten begraben – nichts berühmtes liegt hier. Der Friedhof ansich ist auch relativ weitläufig und besteht auch nur aus Grabsteinen. Viel praktischer als die deutschen Friedhöfe, denn hier wird einfach nur der Rasen gemäht, während man bei uns regelmäßig das blöde Grab pflegen muss. Als ob ein toter Angehöriger nicht Strafe genug ist. Ich will nur mal eingeäschert werden (ohne irgendwelchem Grünscheiß), damit Sarah nicht jeden zweiten Tag meine Blumen gießen muss. Oder vielleicht doch, damit sie mich nicht so schnell vergisst… mhhh.

Wir sind jetzt schon fast fünf Stunden unterwegs und steuern den letzten Punkt des Tages an. Der sogenannte Quiraing ist unser letzter Punkt – Nummer 1 der Attraktionen bei Tripadvisor.
Wir wissen nicht was uns hier erwartet, also fahren wir da einfach den Schildern nach hin.
Der Quiraing ist ebenfalls ein großer Felsen, wie der Old man of Storr. Eher weniger Felsen, als kompletter Berg. Er taucht immer wieder in Filmen auf, da dieses Ding doch schon ultramächtig aussieht. So wurden die Anfangsszenen von Prometheus am Quiraing gedreht, auch wenn hier viel mit Special Effects aus dem PC nachgeholfen wurde.

Wir parken oben am Parkplatz und lesen auf einer Tafel, dass der Quiraing die Region hier sein soll. Wir schauen nach Links zu einem quasi unbezwingbaren Felsen und lesen auf der Tafel, dass es hier 4km pro Richtung zu einer Sehenswürdigkeit gehen soll. Diese Wanderung würde ich heute nicht mehr überleben, also schielen wir lieber nach rechts, wo die Menschen im Horizont bis hin zum Abgrund eines ebenfalls riesigen Felsen laufen. Diese Wanderung sieh eher nach rund 2km pro Richtung aus, also schlagen wir diesen Weg ein. Unsere Wanderung führt uns auf einer Art riesigen Schanze nach oben hin um dann von dort aus die Klippen hinunter zu starren und hoffentlich halb Skye überblicken zu können.

Wir laufen am Rande der Klippen den Berg hinauf und begrüßen auf dem Weg immer wieder Schafe. Der ganze Grasboden ist hier voll mit Schafs und anderer Scheiße. Kein Wunder, dass die so perfekten Rasen haben. Bei dem Düngemittel und den gründlichen Rasenmähern kann der Rasen nur perfekt werden. Uns kommen noch ein paar Leute entgegen, aber da hier so langsam auch die Sonne untergeht sind wir langsam die einzigen, die den Berg besteigen. Nach etwas über einer Stunde befinden wir uns am Gipfel dieser Schanze und starren an der Klippe über einen großen Teil von Skye. Unsere Schuhe haben hier Massen von Scheiße über die Sohlen ertragen, aber der Gipfel des Berges befriedigt mich dennoch ungemein. Kaum werfe ich aber einen Blick nach Rechts, sehe ich noch einen höheren Gipfel, den wir eigentlich auch hätten besteigen können. Nachdem ich kurz mit dem Ding liebäugle, befürchte ich, dass Sarah mich gleich den Hügel hinuntertreten wird. Eigentlich schmerzen unsere Füße und auch der Rest des Körpers (ich hab so einen steifen Nacken vom Schleppen der Kameratasche) zu sehr, als das wir noch ernsthaft etwas machen könnten. Wir begeben uns auch hier wieder hinab und schaffen es in einer guten halben Stunde wieder unten zu sein. Auf dem Weg nach unten müssen wir höllisch Acht auf unsere Füße geben, da hier schon das ein oder andere Loch im Berg verdeckt auf unsere Füße wartet. Wir wundern uns ohnehin, wie viele Menschen hier wohl schon sowohl an der Klippe, als auch beim Auf und Abstieg gestorben sind. Es gibt hier einfach null Sicherheiten und alles geschieht hier auf eigene Gefahr. In anderen Ländern hatten wir immer irgendwelche Warnhinweise oder irgendwelche Blockaden um sich nicht selbst umzubringen, aber in Schottland ist man eher der Meinung, dass ein erwachsener Mensch selber wissen muss was er tut.

Als wir dann endlich unten ankommen, sehen wir, wie vom anderen, ultragroßen Berg ein paar Wandergruppen hinabsteigen. Ein Blick auf die Karte am Start bestätigt, was wir schon befürchtet haben: Unserer Aufstieg war der falsche Berg. Der war zwar auch groß, aber der Quiraing ist das Ding zur Linken und nicht zur Rechten gewesen. Die Wanderung wird mit rund 5h beziffert – vermutlich sogar nur für eine Richtung. So sehr ich heute einen Bedarf für das Gipfelstürmen verspüre, so wenig bock habe ich auf eine Wanderung von diesem Brummer. Wir müssen das auf ein anderes Mal vertagen, da meine Beine schon beim Gedanken daran wimmern.

Wir versuchen wie so oft hilflos noch vor 8 Uhr etwas zum Essen zu finden, also fahren wir etwas die Straße entlang und entdecken ein Schild zu einem Hotel mit Restaurant. Die Straße dazu ist verdeckt von Bäumen über eine unglaublich löchrige Straße. Wenn man jedoch unten ankommt sieht man einen Parkplatz mit Autos, die grundsätzlich über 50.000EUR kosten. Wie immer muss auch ein Jaguar sein. Die Szene hier sieht aus wie etwas von James Bond – ein geheimer Treffpunkt für die Reichen hier um ihre illegalen Deals zu treiben. Diverse Paare laufen an uns vorbei – nicht in das Restaurant sondern direkt zu einer Hintertür. Wir sind irritiert und trauen uns gar nicht erst rein. Das ist das Problem hier ohne Internet – man weiß nicht, ob man allein durch das Betreten des Restaurants arm wird.

Wir treten jetzt den Heimweg an und futtern heute dann halt in keinem Restaurant, sondern gönnen uns schön am Pier frisches Fish&Chips für die Nacht. Das Zeug ist hier wirklich super, aber mein Herz schlägt bei jedem Bissen von diesem Fettklumpen langsamer. Geiles Zeug, aber man darf es wohl nicht zu oft essen.

Der Tag heute wirkte wie wenig Punkte, aber wir sind fertig wie nach einem Marathonlauf. Unsere Körper bräuchten eigentlich etwas Regenerationszeit, aber morgen geht es gleich weiter mit ein paar Wanderungen auf der Isle of Skye. Im Bed&Breakfast fühlen wir uns an dem Abend irgendwie viel wohler als zuvor. Beim Heimkommen reden wir nur ganz kurz mit den Gastgebern, die heute schon viel sympathischer als gestern wirken. Keine Ahnung woran das genau liegt – vielleicht gehts Christine einfach heute etwas besser als gestern.

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