Schottland 2015 Tag 10

Ich habe bisher noch gar nicht von dem Abenteuer mit unserem Auto gesprochen. Das lag daran, dass ich noch nicht wusste, wie wir die Situation handlen sollen – nicht, dass ich hier unnötige Beweisspuren hinterlasse.

Gleich am zweiten Tag unseres Trips parke ich mit dem Auto in einem normalen Parkplatz ein. Ich fahre etwas mit der Schnauze in die Nähe des Bordsteins (wie alle anderen Fahrzeuge hier um mich rum) und höre es bereits unten kratzen. Yeah denke ich mir, fängt ja schon gut an. Ein Blick draußen verrät mir, dass unter der Frontstoßstange Vauxhall sich eine wunderbare, tiefhängende Plastiklippe überlegt hat. Das Ding erlaubt dem Astra hier einen Bodenfreiraum eines Zigarettenschachtel tiefen alten Opelclub Corsa, wo die Federn noch schön abgesäbelt worden sind.

Naja das Plastik sieht auch so schon etwas geschändet aus, da ich wohl nicht der einzige Mieter mit dem Problem hier bin, also sehe ich das mal zunächst als normalen Verschleiß an.

Im Laufe unseres Trips fahre ich auf ganz normalen Straßen, oftmals erheblich unter der Sollgeschwindigkeit und immer wieder kratzt diese scheiß Frontlippe an dem Boden der Straße. Dieses Teil ist hier eine totale Fehlkonstruktion – wer mich kennt, weiß, dass ich eher langsam über irgendwas drüberfahre, also kann es m.E. nicht sein, dass diese Frontlippe beim Rausfahren aus ganz normalen Supermarktparkplätzen rumkratzt. Ich habe im Urlaub auch nicht so viel zugenommen, dass das Auto automatisch tiefergelegt ist. Selbst wenn man über den noch so kleinen Hubbel mit Schrittgeschwindigkeit drüberfährt (während die VW Golfs um mich rum hier gar nicht erst bremsen), hört man das einladende kratzen der Lippe am Boden. Vielleicht ist diese Lippe auch notwendig um die Straßen etwas zu schleifen – keine Ahnung.

Ich rege mich ab dem dritten Mal auch schon gar nicht mehr auf und denke mir – was solls, du zahlst ja eh für eine Komplettversicherung – wenn die sich bei der Abgabe beklagen können die es ja gerne der Versicherung melden. Unsere Selbstbeteiligung bekommen wir vom Vermittler zurück, also kein Grund sich den Urlaub versauen zu lassen.

Was jedoch am dritten Tag etwas ätzender war, war das drüberfahren der Frontstoßstange über einen Bordstein an einer Tankstelle. Auch hier würde ich zuhause gar keinen Moment nachdenken, aber unser Möchtegernsportwagen mit 90PS (also typisch Opel) kratzt auch hier wieder über das Ding. Das Kratzen ist hier etwas lauter und ich denke mir schon oh-oh. Etwas pissig von dem Auto schmeiße ich den Rückwärtsgang an und halte Blickkontakt mit dem Schotten vor meinem Auto, der den Vorgang im Vorbeilaufen beobachtet. Ich setze zurück und höre es nochmals Kratzen und Knallen. Der Schotte hält sich die Hand vor dem Mund und schüttelt mit den Händen um zu zeigen, dass hier irgendwas am Arsch ist. Ich habe schon große Lust auf den Wagen einzutreten, aber erst einmal die Handbremse rein und mal schauen was da geschehen ist. Es ist schon relativ dunkel und Sarah sucht eigentlich unser Station House, also begibt sie sich in der gezwungenen Pause auf die Suche nach dem Haus, während ich unter das Auto mit der Handytaschenlampe so tue, als ob ich irgendeinen blassen Schimmer hätte, was hier gerade passiert ist.

Meine Sherlock Holmes Sensoren rekonstruieren den Fall. Ich fahre über den Bordstein der nur minimal zu groß ist – das hätte ansich normal wie auch vorher schon nichts ausgemacht. So ziemlich genau in der Mitte jedoch ist eine Metallplatte, die irgendwann mal etwas drauf hatte – vieleicht einen Pfosten oder sowas. Die Platte ist sehr flach, würde also auch kein Problem verursachen, aber in der Mitte dieser Platte ist ein Stück nach vorn oben herausgebrochen, was beim Drüberfahren erst einmal kein großes Problem verursacht hätte, aber beim zurücksetzen wie ein Widerhaken sich schön in die Lippe eingehakt hat. Die Lippe wurde hier also mit roher Gewalt rausgerissen und schaute jetzt noch leicht eingehängt in zwei Hälften einsam herunter. Zunächst sah es ziemlich fies aus, aber naja man konnte das Ding wieder irgendwie zusammenstecken. Die Lippe ansich lässt sich wieder normal in die Stoßstange einstecken, aber genau in der Mitte muss man beide Hälften der Lippe auch wieder zusammenschieben. Hier sehe ich, dass beide Hälften in einer gemeinsamen Öse mit einem Stift zusammengehalten werden. Dieser Stift ist eingeclipst und lässt sich auch nicht mehr einfach rauslösen. Ich würde eine Zange benötigen um den Stift rauszubekommen um dann wieder die beiden Öse der Lippe richtig übereinander zu legen und wieder zu fixieren. Ohne dem Stift kann ich nur beide Ösen irgendwie notdürftig ineinanderschieben, aber besonders stabil sieht das hier nicht aus. Auch weiter vorne ist das Spaltmaß der beiden Hälften breiter als er sein sollte (habe extra Fotos verglichen, da ich mir da nicht mehr so sicher war), was daran liegt, dass die eine Hälfte mit einem Clip in die andere Hälfte eingesteckt wird. Dieser Clip ist aber etwas verbogen, also kann ich es nur mit Gewalt ein wenig zusammenbiegen – wie vorher sieht es aber nur noch begrenzt aus.

Wie immer in solch einem Fall ist man zunächst etwas pissig darauf. Man sollte sich jedoch sagen, dass man ja extra für solche Fälle ja für die Versicherungen bezahlt, also sollte das den Urlaub nicht kaputt machen. In einem kurzen Moment der Überlegung dachte ich mir, dass das hier vielleicht als Unterbodenschaden ausgelegt werden könnte (welche nie versichert sind), aber nach etwas Forschung zählt alles von der Stoßstange ganz normal zur Stoßstange. Unterbodenschäden sind nur Schäden am unteren Bereich, wo man beim drüberfahren über irgendwelche unbefestigten Straßen mal die Ölwanne aufreißen oder irgendwelche Kabel kaputtmachen könnte.

Am Tag darauf hatte ich mir die Lippe nochmals angeschaut und diese mit etwas Panzertape fast wie neu montiert. Das Panzertape hält unseren kompletten Trip bombenfest. Was wären wir ohne Panzertape.

Warum ich das gerade jetzt erzähle?

Heute ist unser letzter Tag auf der Isle of Skye und wir checken aus unserem Bed&Breakfast aus. Beim Frühstücken ist John noch etwas pissig auf die Chinesinnen, die einfach nicht so wunderbar pünktlich wie wir zum Essen kommen. An diesem Morgen klappt das mit dem privaten Bad wunderbar – die Chinesinen halten Abstand, weshalb wir auch wunderbar in der Zeit liegen. Wir schleppen unsere Koffer zum Auto und ich treffe die Chinesinen noch an der Tür an. Auch die beiden checken heute aus und schleppen gerade ihre Koffer raus. Sie fragen mich, ob wir ein Auto haben und ich bejahe es. Anscheinend dürfen die mit ihrem chinesischen Führerschein nicht in Europa fahren, also protze ich mit meinem reinrassigen deutschen Führerschein, der selbst im Kongo noch ehrfürchtig betrachtet wird. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht so ganz verstanden habe: Ich denke die wollten, dass wir die mitnehmen – im Pisswetter mussten die nämlich zu Fuß zum Bahnhof laufen, während wir gemütlich im Astra rumcruisen können. Während ich also vom Auto und Führerschein protze, hoffen beide auf die Einladung zum mitfahren. Hah wie traurig die zurückgeschaut haben und gebetet haben, dass ich den Wink mit dem Zaunpfahl verstehe.

Bevor wir losfahren können, bitte ich John noch um eine Zange. Er verschwindet und man hört ihn rumwühlen in seiner Küche. Verzweiftelt kommt er raus und regt sich auf, dass er nirgends seine Toolbox finden kann. Ich sage, dass es kein Problem ist, war nicht so wichtig, aber John besteht darauf, dass er noch rumsucht. Er ruft seine Frau an und regt sich auf gällisch auf, dass er das Ding nicht finden kann. Sie diskutieren ein wenig, er verschwindet wieder, er ruft nochmals an, er sucht wieder und kommt dann mit gesenktem Kopf und vier Werkzeugen heraus. Die Toolbox sei nirgends aufzufinden, das einzige was er mir anbieten kann ist eine Schere, ein zwei Schraubenzieher und eine Rohrzange (die mit dem Drehdings). Ich nehme freudig die Rohrzange und sage, dass die perfekt ist. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich den Stift mit der Rohrzange rausholen soll, aber ich bin es John schuldig hier etwas zu probieren.

Heute Nacht hatte es geregnet, also lege ich mich wunderbar auf den feuchten Boden und wühle dann unter der Stoßstange rum. Ich versuche mit dem Drehregler die Rohrzange zu einer Art Presse zu missbrauchen um den Stift zusammenzuquetschen. Die Rohrzange ist aber eigentlich viel zu groß und je länger ich da rumdrehe, desto mehr Angst habe ich noch irgendwas zu zerstören. Nach ein paar Minuten wühlen, drücke ich das Panzertape von unten nochmals wieder ran (es ist noch wie neu, man ist das Panzertape geil) und ziehe die Zange wieder heraus. Mir fällt auf, dass ich den Drehregler in die falsche Richtung gedreht und die Zange nur breiter gemacht habe. Naja hätte ja eh nichts gebracht, aber ich laufe mit meinem größten Grinsen zu John zurück, gebe ihm die Zange wieder und meine, dass es perfekt geklappt hätte. John war einfach zu glücklich, als das ich ihn hier enttäuschen konnte. Vielen Dank John und John ist glücklich.
Er verabschiedet sich herzlich von uns und sagt uns noch auf Deutsch „Auf Wiedersehen und Links fahren“.

Dank Johns Hinweis fahren wir sicher auf der richtigen Straßenseite Richtung Fort Wiliams – von der Insel herunter.
Wir planen am Anfang wieder eine Fahrt über die Skye Bridge (also den selben Weg, den wir herfuhren), aber irgendwie hat uns die Fahrt mit der Fähre von der Insel auch angemacht. Also prüfen wir noch schnell vor dem Haus von John (der sich wohl schon gedacht hat, was die denn da so lange mit laufendem Motor vor dem Haus machen) wann die Fähre abfahren würde. Es ist gerade 10:15 Uhr und um 11:30 fährt die Fähre ab. Wir müssen laut Homepage 20 Minuten vorher da sein. Unser Navi bietet uns ohnehin nur die Fahrt nach Fort Wiliam über die Fähre an. Wenn wir nicht gewusst hätten, dass da eine Fähre notwendig ist, würden wir einfach losfahren und wären plötzlich am Wasser. Dämliches Opel Navi.

Wir wissen dadurch aber nicht so genau, wie weit es bis zur Küste ist, aber wir schätzen anhand des Bildes im Navi so ca. 60km. Der alternative Weg über die Skye Bridge benötigt 180km, während die Fahrt mit der Fähre nur rund 110km lang ist. Wir müssen außerdem ohnehin zumindest auf die Hälfte des Weges der Fährenstrecke, da dort noch ein Punkt ist, den wir sehen wollen.
Wir entscheiden uns also für den Weg mit der Fähre und ich fahre Vollgas über die Insel. Auf der Hälfte des Weges weist uns ein Schild auf die nächste Überfahrt um 11:30 hin – falls schon als Warnung, dass wir gefälligst Gas geben sollen.

Auf der Insel hat man oftmals nur eine Straße zu fahren. Wenn man also auf die Hauptstraße fährt und das Navi 50km bis zur nächsten Abzweigung anzeigt, kann man davon ausgehen, dass das der Weg bis hin zu dieser Abzweigung fast schon das Ziel ist. So war es bisher, also schauen wir etwas hilflos auf das Navi, als es um 11:10 noch 10km bis zum nächsten Kreisverkehr anzeigt. Wir sind jetzt schon zu spät, aber wir hoffen einfach, dass es hier ähnlich wie beim Fliegen ist: 20 Min vorher da sein, aber wir laden eh noch 20 Min die Leute auf, also kannst du auch kurz davor auftauchen.

Doch schon 1km später erfreut uns die Dämlichkeit des Navis. Das Ding sieht die Fähre wirklich nur wie eine Straße an, also gibt es gar keinen separaten Eintrag für das Auffahren auf die Fähre. Das Ding zeigt also die 8km als Strecke an, die wir aber nach 1km mit der Fähre zurücklegen werden. Wir legen also eine Punktlandung mit 11:10 hin und reihen uns in die Warteschlange der Autos ein. Eine nette Schottin mit einer Warnweste läuft zu uns rüber, weist uns in eine Line ein und sagt, dass wir schnell das Ticket holen und ihr zeigen sollen.

Während ich das Ticket organisiere, macht Sarah ein paar Fotos und soll noch die Postkarten verschicken. Aus irgendeinem Grund gibt es ein Schild, dass deutsche Kreditkarten Probleme verursachen – der Typ an der Kasse muss deshalb manuell die Kreditkartennummer und meine Hausnummer plus PLZ eingeben – irgendwie verdächtig. Hoffen wir mal, ich muss nach dem Urlaub nicht gleich wieder eine Kreditkarte sperren lassen.

Wir steigen in das Auto und ich wundere mich, wo Sarah denn die Postkarten gelassen hat. Sie zeigt nur auf die Frau mit der Warnweste und meint, dass diese unsere Postkarten in der Mittagspause einwerfen wird. Sehr nette Sache – schauen wir mal, ob die die Dinger weggeschmissen hat oder ob die Teile tatsächlich beim Empfänger landen.

Die Fahrt auf der Fähre ist ansich sehr ähnlich wie die Bodenseeüberfahrt. Wir müssen die Überfahrt oben verbringen, wo wir ein paar Fotos von Skye schießen. Auf der Fähre ist auch ein kleines Kamerateam und irgendein alter Sack führt ein Interview mit irgendeiner Frau durch. Vermutlich ist das irgendein Beitrag für BBC Scotland über die Wanderung der Midgy Fliegen oder so was. Auf der Fähre smalltalkt ein Ami noch mit uns, der unbedingt in die Kabine des Captains einbrechen will. Es ist schon komisch, die Amis machen ganz anderen Smalltalk als der Rest der Welt. Die schauen irgendwo hin und sprechen mit einem, als ob man gemeinsam hier her gereist wäre. Die reden einfach darauf los – plötzlich steht neben dir der Ami, starrt nach oben und meint ohne großer Einleitung o.ä. „Meinst du da in die Kabine können wir reinlatschen?“. Ich mags, auch wenn das natürlich meist keine echte, tiefgehende Konversation ist – für einen kurzen Plausch im Urlaub reichts alle mal.

Auf der Fähre entdecken wir unsere Kacker vom Hotel wieder. Die Asiatinnen sind tatsächlich mit dem Bus hier her gereist. Zuerst verstecken wir uns vor denen, da das schon leicht unangenehm ist, aber als ich die dann doch kurz anblicke um wenigstens hallo zu sagen, wirken beide so, als ob die uns nicht erkennen (wollen). Vielleicht sehen wir Weißen für die auch alle gleich aus.

Wir fahren von der Fähre runter und machen uns auf den Weg in Richtung Glenfinnan Viadukt. Auf dem Weg dahin machen wir noch einen kurzen Abstecher zu den Sands of Morar, ein schönes Stück Sandstrand hier mitten in einer Gegend, die eher nur Kies hat. Der Sand ist hier sogar richtig fein und sieht schön einladend aus – schade nur, dass die Temperaturen hier wohl meistens unter 10 Grad betragen. Im Hintergrund hören wir bereits den Steam Train, den wir später am Viadukt betrachten wollen. Er klingt aber schon super, so typisch wie eine Dampflok.

Das Glenfinnan Viadukt wird auch die sogenannte „Harry Potter“ Brücke genannt. Es handelt sich dabei um eine Brücke aus runden Bögen, die in einer Kurve verläuft. Auf dieser Brücke fährt zwei mal am Tag der Jacobite Steam Train, der in den Harry Potter Filmen als Hogwards Express verwendet worden ist.

Wir parken an einem Parkplatz unterhalb des Bahnhofs in Glenfinnan und laufen eine enorme Steigung hinauf. Der Zug wird um 14:52 am Bahnhof in Glenfinnan einfahren und laut der Frau im Museum an der Station nicht vor 15:10 am Viadukt entlangfahren.

Von der Station aus gibt es einen Trail zum Viadukt und wir überlegen, ob wir nicht hier auf den Zug warten um dann innerhalb von 20 Minuten schnell den Trail entlang zum Viadukt rennen sollen. Die Schilder am Start des Trails weisen jedoch darauf hin, dass die Passagiere des Zuges nicht rechtzeitig zum Viadukt und zurück laufen können, also gehen wir jetzt schon los um dann tatsächlich rechtzeitig am Viadukt sein zu können. Schade, denn den einfahrenden Zug hätten wir auch gerne aus der Nähe fotografiert.

Auf dem Trail befinden sich aktuell nicht viele Leute und das Ding geht auch schon ein gutes Stück, bis wir dann endlich am idealsten Aussichtspunkt zum Viadukt sind. Es müsste ca. eine halbe Stunde vergangen sein, bis wir endlich an dem idealen Aussichtspunkt zum Viadukt angelangt sind. Es ist 14:20, also sind wir viel zu früh da. Neben uns befindet sich hier auch noch niemand, also vermuten wir, dass nicht so viel los sein wird. In der Wartezeit bis 14:50 schreiben wir auf dem Handy ein Stück vom vorherigen Beitrag und starren etwas Löcher in der Luft. Je näher der Zeiger auf 50 geht, desto mehr Leute tauchen aus allen Ecken auf. Eine Gruppe Asiaten sind zuerst da, gefolgt von einem Batzen Deutscher. Auch auf der anderen Seite der Gleise haben sich größere Gruppen von Leuten versammelt.

Uns fällt auf, dass alle Leute nicht von unserer, sondern von der anderen Richtung kommen. Laut Tripadvisor gäbe es da einen Parkplatz, aber am Museum hatte man zu uns gemeint, der Trial wäre der beste Weg. Wir erfahren später, dass es von der anderen Seite viel kürzer war, aber naja der Weg ist das Ziel sagt man doch.

Solange wir warten ziehen sich die Wolken immer wieder zusammen und es gibt auch ein wenig regen. Wir sind jedoch ganz gut eingepackt, also ist es nicht so tragisch für uns. Viel übler sind die dummen Midges, die uns im Gesicht rumschwirren und hier und da ein wenig Blut an uns nuckeln. Wir haben eigentlich extra Autan mit in dem Koffer, aber natürlich auf einem Trail nicht dabei.

Um 14:52 hören wir noch immer keine Dampflok im Hintergrund, was alle anwesenden schon ein wenig nervös macht. Als auch um 15:10 noch keine Lok in Hör- und Sichtweite ist, machen wir schon Witze, dass wir am falschen Viadukt sind. Wir haben jetzt aber schon über eine Stunde hier wartend verbracht, also werden wir nicht gehen, bevor nicht über die Schienen hier irgendeine Lok gefahren ist.

Das Wetter hellt ein wenig auf und die Sonne beleuchtet die Schienen in einem schönen Gelbton. Kaum war die Szenerie Seitens des Wetters vorbereitet hören wir schon die Dampflok andampfen. Das Ding fährt über die Brücke und die Leute jubeln und klatschen. Wir machen unsere Fotos und Videos (Sarah Video, ich Bilder) aber irgendwie witzeln wir halb im scherz halb im ernst, dass wir jetzt quasi 2h verbraten haben um einen Zug über eine Brücke fahren zu sehen. Diese komischen Trainspotter, die die Welt bereisen um einen Zug vorbeifahren zu sehen und zu jubeln sind schon komische Leute.

Wir treten nach den 2 Minuten Freude gemeeinsam mit den Menschenmassen den Weg zum Auto an. Wir laufen jetzt den Weg zurück, wo die Menschen herkamen – um eine Schleife zu machen. Auf dem Weg verlaufen wir uns natürlich erstmal durch einen Matschewald, bevor zwei Deutsche uns Bescheid geben, wo der Weg sein soll.
Auf dem Asphaltweg mit den ganzen Deutschen fühlen wir uns ein wenig wie auf einem Wandertag in der siebten Klasse. Man lernt wie schon gesagt irgendwie nur Deutsche hier kennen – das Viadukt hätte genausogut im Schwarzwald sein können.

Hin hatten wir eindeutig den schöneren Weg, denn wir laufen jetzt nur noch der Straße entlang zum Auto hin. Unsere Füße quälen uns schon langsam und so sind wir um so froher als wir jetzt nach etwas über 2,5h das Auto erreicht haben.

Der nächste Stop ist bereits in Fort Wiliam – schon knapp an unserem heutigen Zielort. Wir sind bereits irgendwie todmüde – so langsam hinterlässt der Urlaub spuren. Wir sind immer schwieriger zu begeistern und haben immer weniger Lust auszusteigen. Wir schauen uns in Fort Wiliam das sogenannte „Neptune’s Staircase“ an. Auf dem Parkplatz fängt es gleich zu regnen an, was uns umso weniger zum Aussteigen einlädt. Doch wie so oft in Schottland hält der Regen nur kurz an, also fühlen wir uns gezwungen doch noch auszusteigen.

Wie so oft in solchen Situationen ist man im Nachhinein dennoch froh es gemacht zu haben. Hier haben wir diesmal keine große Wanderung benötigt, sondern konnten direkt an einem Café vorbei zu dem Staircase gehen.

Neptune’s Staircase ist eine Schleuse, durch welchen Schiffe über verschiedene Anhöhen transportiert werden – also eine Art Rolltreppe für Schiffe. Wir haben Glück, denn gleich als wir ankommen wird ein Segelboot durchgeschleust. Das Wasser wird zunächst auf die Höhe der nächsten Schleuse angeglichen und dann die Tore zur Schleuse geöffnet. Das Schiff tuckert dann in die nächste Schleuse ein, die Tore werden geschlossen und die jetzige Schleuse wird an den Wasserpegel der nächsten angeglichen. Das ganze geht unglaublich langsam voran, aber vermutlich halt doch erheblich schneller als das Außenrum-fahren. Ich bin begeistert von dem Vorgang, der auch in keiner Welt der Wunder Doku schöner hätte dargestellt werden können. Vor dem Urlaub hatte ich noch eine Doku über den Panamakanal geschaut, der das selbe, nur in viel größer darstellt.

Der Hunger treibt uns als nächstes in die Stadtmitte von Fort Wiliam. Nach einer kleinen Odysee der Parkplatzsuche finden wir dennoch einen nah an der Fußgängerzone. Hier sieht es fast aus wie in Stuttgart oder Ulm – Fußgängerzonen gibt es im Ausland nämlich selten und schon gar nicht mit irgendwelchen Pflastersteinen. In der Zone gibt es massig Kneipen und wir gehen in eine von Tripadvisor empfohlene. Das Pub ist fast komplett leer, da die wenigsten um 5 Uhr essen gehen. Sarah gönnt sich ein Barbeque Chicken, das wie Fertignuggets aus der Gefriere mit würzigem Ketchup geschmeckt hatte, während ich mir ein Steak Pie gönne, das eigentlich ein Gulasch mit einem dazugelegten Blätterteigbrot ist. Das Essen ist hier zwar einigermaßen preiswert (für Schottland), aber es schmeckt auch dementsprechend. Wir sind nicht sehr begeistert davon, aber die Bedienung ist zumindest nett.

Ich trinke zum Essen ein Pint Bier und fühle mich schon total besoffen davon. Keine Ahnung was die hier in das Bier packen, denn es haut mich direkt weg. Sarah muss jetzt den Weg zum letzten Punkt heute fahren, was sie aufgrund des umständlichen Fahrens in Fort Wiliam nicht sehr glücklich stimmt. Sie quält sich durch die Straßen mit dem Auto und bringt uns einigermaßen heil nach Glencoe – unserem letzten Stop für heute.

Glencoe, das ist ein Tal welches irgendwie bekannt ist. Wir wissen noch nicht so ganz was so toll daran sein soll, was aber vielleicht einfach nur daran liegt, dass wir schon zu viel Natur gesehen haben. Man ist hier in einem Tal, umschlossen von vielen Bergen. Es sieht schon ganz nett aus, aber die Begeisterung hält sich in Grenzen. Wir machen heute nur einen kurzen Abstecher dahin, da wir hier morgen am letzten Tag nochmals auf dem Weg zur letzten Übernachtung vor dem Abflug vorbeischauen werden.

Wir wollten eigentlich in das Visitor Center, aber um 7 Uhr hat es bereits zu. Wir machen stattdessen eine kleine Rundfahrt um den See, die als Scenic Route angegeben ist. Der See ist so am Abend sehr schön und man hat richtig Lust hier auszusteigen. Wenn man jedoch ganz kurz die Fenster aufmacht oder sogar aussteigt, wird man direkt von den Migies aufgefressen. Die scheiß Mücken fahren einem in die Augen, nuckeln am Hals und hinterlassen zig kleine rote Punkte oder manchmal sogar richtige Mückenstiche. Die Dinger sind echt zum kotzen. Da bucht man sich hier irgendwann ein teures Zimmer, nur um zu erfahren, dass man nach Sonnenuntergang quasi nicht raus kann, da sonst die Migies einen komplett zerstechen. Die Romantik des Campings am See ist damit auch komplett getötet.

Nach der Umfahrung fahren wir dann auch schon zur Schlafstätte des heutigen Tages: das Corran Bunkhouse. Man hört es schon am Namen: Keine große Luxusstätte. Das Bunkhouse befindet sich direkt am Hafen zu einer Fährfahrt. Irgendwie sieht es hier schon sehr ähnlich wie am Hafen der Fähre von Skye zum Festland aus.

Wir werden am Bunkhouse vom netten Besitzer empfangen, der hier doch schon seine 30-50 Zimmer hat und sogar auf das Zimmer geführt. Luxus ist was anderes, aber immmerhin ist das Bad im Zimmer und nicht draußen.

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